Never Trust a Woman

Originaltitel: Ich glaub’ nie mehr an eine Frau. (Das Dirnenlied.) Lebensbild 1930; 100 min.; Regie: Max Reichmann; Darsteller: Richard Tauber, Werner Fuetterer, Maria Matray, Gustaf Gründgens, Paul Hörbiger, Agnes Schulz-Lichterfeld; Emelka-Tobis-Film.

Ein junger Seemann kehrt zur Mutter heim und verliebt sich in ein Mädchen, das eine Dirne und seine, ihm seit Kindheitstagen unbekannte, Schwester ist. Sein Freund bringt sie nach einem Selbstmordversuche heim und der Seemann läßt sich wieder anheuern.

Zusammenfassung
Dieser Film rollt ein großes, erschütterndes Lebensbild auf. Männer der Meere stehen im Vordergrund der Handlung, Männer, die Jahr um Jahr auf der See verbringen, deren Heimat das weite uferlose Meer wurde und deren Horizont ewig vom Wasser, der Ozeane umspannt ist. Und nach langen, bangen Jahren, in denen dies Männer Kameraden wurden, kommen sie wieder auf festes Land. Sie wissen nicht mehr, was das heißt, Boden unter sich zu haben, sie haben jahrelang keine Frauen gesehen und sind nun wieder mitten im Trubel der großen Welthafenstadt. Das Schiff „Gute Hoffnung” legt in Hamburg an. Koch, Steuermann, Mat, Kapitän und Leichtmatrose verlassen das Schiff. Sie alle haben genug vom Seemannsleben. Nun wollen sie mit ihrem Ersparten Menschen des Festlandes werden. Die Stadt erfaßt sie, die große Stadt mit ihrem heißen Lebensodem, mit ihren Lockungen und ihren Geheimnissen. Jeder dieser fünf Seeleute erlebt in den wenigen Tagen seiner Rückkehr ein großes Schicksal. Der Erste findet sein Liebchen, dem er fünf Jahre die Treue hielt, verheiratet. Der Zweite, der Dritte, der Vierte erleben die Enttäuschungen der Hoffenden, welche fünf Jahre auf der See waren und an die glaubten, die zurückblieben. Gebrochen erkennen sie, daß ihre Träume eben nur Träume waren und daß die Wirklichkeit trügerisch ist. Und der Fünfte . . . , das ist der Steuermann Peter. Der stramme junge Hüne, der kam, um seine Schwester zu suchen, die er nicht findet.
Er landet bei einem Mädchen der Straße. Er weiß nicht, daß sie nur eine der zahllosen ist, die in der Hafenstadt leben. Er verliebt sich in dieses Mädel, das er anständig wähnt, das sein Schicksal werden soll. Er erfährt rechtzeitig, wer die Frau seines Herzens ist. Aber auch darüber kommt er hinweg, ver reißt die Gewißheit über die Vergangenheit dieser Frau aus seinem Herzen, er verzeiht ihr, er will ihr wieder auf den geraden Weg helfen, er will sie zu seinem Weibe machen . . . ein neues Leben voll Sonne und Glück winkt. Da bricht eine furchtbare, viel schrecklichere Kenntnis über ihn herein . . . ein unseliges Geheimnis offenbart sich ihm und dem Mädchen. Sie werden von der Tücke des Schicksals auseinandergerissen.
Er kehr zurück zur See, die er niemals wieder sehen wollte. Er sucht Vergessen im Weltmeer. Auch seine Kameraden kehren wieder zum Schiff zurück. Gebrochen von den Enttäuschungen, bleiben sie, woher sie kamen . . . beim Schiff. Das Schiff fährt fort . . . und nimmt fünf Menschen mit, deren Herzen müde und verwaist sind.

Kritik (Ernst Jäger, Film Kurier #031, 02/04/1930):
Sehr geehrter Herr Kammersänger !
. . . und obwohl man es Ihnen nicht verzeihen sollte, ohne Widerstand den Mitarbeitern dorthin gefolgt zu sein, wo der stumme Film am tiefsten lag, in der verlogensten Dirnenmanufaktur. sei allen gedankt, die mit Ihnen sich zur Sangbarkelt des Tonfilms bekannten. Und wäre es der arme Sünder von Autor, der bescheidene Regisseur gewesen, der auf die Idee verfiel. Sie zu verpflichten –, Absolution auch ihm.
Sie singen, und das wird die Tonfilm-Sensation.
Am besten gelingt eine Weise vom alten Lied, der technische Beiklang verschwindet da ganz. Ihr Atem vibriert von der Leinwand, die Illusion ist vollkommen.
Aber übersehen Sie nicht, Herr Kammersänger, dreißig Jahre Filmentwicklung, dreißig Jahre Kampf für bessere Filme, und obwohl Sie wichtiger sind als ein Reichsminister, da Sie der Emelka viel, viel Geld bringen – das Capitol und alle Mitspieler können getrost die Kinopreise erhöhen, übersehen Sie nicht, wie die „Stimme des Herrn” hier mißbraucht wird.
Wenn Sie hinter einen Baum treten würden und was weiß ich was im Dunkel des Gebüsches von sich geben würden, man würde doch Ihrer Stimme lauschen. Ganz soweit gehen ja nun Ihre Auftritte nicht, aber die Anlässe, zu denen Sie neben die Handlung treten, um übers Meer an die Heimat, an die Mutter und gegen die Frauen Ihre Chansons bei Nacht und Nebel zu starten, sind mit einer wahrhaft kannibalischen Freude am unfreiwilligen Humor entstanden.
Herr Kammersänger a. D. – ein ehemaliger Komödiant – sitzen da spät in der Nacht bei Tee und Milch im entleerten Hafenbums, da kommt Ihr betrunkener Freund mit drei zweifellosen Mädchen, stottert: Na, mein Freund, der kann aber singen, und dann singen Sie los. Paul Dessau am Pianino nickt zustimmend „Ich glaub’ nie mehr an eine Frau.”
Suchen Sie bessere Anlässe für Ihre Tonfilmsongs, fähigere Mitarbeiter. Leute, die Ihren wirklichen Wert filmisch zu nutzen verstehen.
Lassen Sie sich nichts vormachen, daß Sie „hässlich” wären und keine Filmaugen hätten – Ihr sprechender Mund wirkt reizvoller als ein paar hübsche Stargrübchen.
Lassen Sie Ihre kommenden Tonfilme mehr sein als eine billige, hirnlose Reklame für einen herrlichen Tenor, für die schönste europäische Stimme, eine Gnade aus Atem und Intellekt, eine echte Emphase, eine ganz unkitschige Mortgesangsbildung.
Wie turmhoch stehen Sie über diesem Film.

Geschätzte Darsteller !
Euch macht man’s schwer. Die bräutliche Schwester befreit hier der Bruder, eine Spieluhr bringt es an den Tag.
Das Dreieck Bruder-Matrose, Dirne, Schwester und Zuhälter war wohl das Urmotiv des Films von Curt I. Braun. In der Näherung der Liebenden, dem Zuhälterdasein als Kontrast liegen noch die wirksamsten dramatischen Situationen, hier möchte man noch einen Rest von Besinnung den Herstellern zubilligen – aber eine Mutter fuhrwerkt da durchs Spiel – – armer Name „Mutter”.
Der schwerfällige Regisseur Max Reichmann, der kaum aus einer Retardierung des Dialogs des Szenenablaufs herauskommt, findet nicht die selbstverständlicher Sprachbeziehungen zwischen den Darstellenden.
Die Solveg – eine Fehlbesetzung, sie kann nicht schattieren und hat kaum Kraft zur Episode – Agnes Schulz-Lichterfeld gleichfalls nicht ausreichend – nur zu Fütterer, Gründgens, Hörbiger sagt man: Auf Wiederhören.
Der lustig stotternde Hörbiger hat viele Lacher. Fütterer spricht mit viel Charme den weldfremden Matrosen, hat, wie er sich mit seinen Mädelsbekanntschaften brüstet, viel Echtes: Gustav Gründgens, die gelungenste Figur.
Photographiert von Reimar Kuntze und Charles Metain. die mit dem Architekten Erich Czerwonski sich mit Erfolg an einer plastischen Photographie versuchen. Nicht ihre Schuld, daß ein starrer Regietisch die Kameraentfaltung hemmt.
Fütterer, Gründgens, Hörbiger – Auf Wiederhören also !
An: Unbekannt verzogen.
Hinter zwei Dialogschreibern, die sich davon drückten, wie es heißt, Werner Scheff und Anton Kuh, möchte folgende Anmerkung eiligst nachgesandt werden: Kehret zurück zum Tonfilm, vieles ist euch geglückt !
Der Vorplatz im Hotel mit ein paar hineingeworfenen Worten, der Lude im Bett, Wirtin, Portier, Blumenmädel, Schupo, Artistenkind mit Postkarten – da hebt sich die bessere Form des Tonfilms heraus, da hört der Dialog auf. Quasselei zu sein.
(Und dann stellt die Spielleitung um den singenden Tauber schrecklich traurig aussehende Gruppen, eine Reihe von Menschen, die das Tenorsingen-Hören zu verblöden scheint ! )

Titl.
Firma Tobis, Tonherstellung.
Die geschätzte und immer schätzenswertere Firma wird gebeten, sich die Odeon-Schallplatten Nr. O 4955 a. u. b: O 4956 anzuschaffen und gutachtlich bekanntzugeben, warum Aufnahme und Wiedergabe ihres Tonfilms die ausgeglichene Freiheit der Tauberschen Stimme vermissen läßt.
Viele Feinheiten im Piano gibt die Aufnahme her, bis zur völligen Naturtreue sogar. Der warm verhaltene, berühmte Tauber, ton, dieser auf der Zunge schwebende, den Mund wie ein sanfter Trank füllende Tenorton ist da. Daher auch die Begeisterung der Tauberkenner. Aber wenn der Gesang akzentuiert und härter in Sforzando ansetzt ! Dann die Nebengeräusche ! Warum Herr Brodmerkel, warum Herr Lange ? Warum die Geräuschasche auf den Gesang gestreut ?
In den Dialog-Aufnahmen sind viele neue akustische Feinheiten geglückt und auch sprachliche Schwierigkeiten geschickt umgangen.
Also bitte mal dir Schallplatten vergleichen !
Und: U. A. w. g.

Werter Herr Dessau, aus den wenigen Partitur-Trümmern ihrer Dessauer Bauhausmusikimitation ragt Taubers Dirnenrettungslied als bombastisches Finale. Es paßt in diesem Film wie Rhabarber zu Rizinus. Zum Davonlaufen.
Dabei hat die Technik ihnen noch einen bösen streich gespielt und man hätte es besser gemeint, ihrer Musik auch noch den letzten Strich anzutun. Wozu dieses böse Ende mit einem sangbaren Schönberg und dem drohend aufgerissenen Tenormund. Dirnenlieder überlassen sie den Rotter, Iurmann und Krome, diesen gewandten Lumpensammlern von Weltrefrains.
Sie sollen die „Generallinie” illustrieren, die Schmalzlinie, auch dabei muß man Einfälle haben.
(In aufrichtig moderner Orthographie stets: d. u.)
P. S. Tauber-Ausgabe fürs Kino ! Ungezählte Besucher wollen ihn singen sehen.
Das nächste Mal will man ihn filmen sehen !

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