The Shot in the Talker Studio

Originaltitel: Der Schuß im Tonfilmatelier. Kriminaldrama 1930; 67 min.; Regie: Alfred Zeisler; Darsteller: Gerda Maurus, Berthe Ostyn, Harry Frank, Erwin Kalser, Paul Kemp, Erich Kestin, Robert Thoeren, Ernst Stahl-Nachbaur, Alfred Beier; Ufa-Klangfilm.

Im Atelier wird während der Aufnahme einer Szene, in welcher eine Frau ihre Rivalin zu erschießen hat, letztere einige Sekunden vorher von einem Unbekannten tatsächlich niedergestreckt. Die Mordkommission verfolgt verschiedene Spuren, bis der für eine kleine Rolle engagiert gewesene, verkommene Bruder der Getöteten durch eine Tonaufnahme als Täter erkannt und zum Geständnis gebracht wird.

Zusammenfassung
Zehnmal schlägt die Uhr ! Die verführerische, schwarzhaarige Frau springt auf: „Ich muß jetzt gehen !“ Vergeblich bittet der elegante, hübsche Mann im Frack: „Bleib doch noch ein bißchen – –“ Sie erhebt sich, geht nach der Tür, da schrillt plötzlich die Glocke der Wohnungstür. – „Um Gottes willen, wer ist das ?“ Der Mann sagt nervös: „Es wird doch nicht Rita sein – – –“
Rasch schiebt er die Schwarzhaarige durch den Perlvorhang ins Nebenzimmer, denn schon kommt der Diener und meldet: „Eine Dame – –“
Der Mann sucht eine Ausrede, will sich verleugnen lassen, aber schon steht Rita, eine hochgewachsene, blonde Frau, in der Tür, zitternd vor Wut und Eifersucht. „Wer ist im Schlafzimmer ?“ – Sie versucht, in das Zimmer einzudringen, er hält sie zurück, sie ringen miteinander.
Plötzlich hat die Blonde einen Revolver in der Hand. Der Mann will ihr die Waffe entreißen, hat ihre Hand gepackt, die Mündung des Revolvers drängt sich nach vorn in der Richtung des Perlvorhangs. Ein Schuß fällt ! Aus dem Nebenzimmer tönt der gellende Aufschrei einer Frauenstimme – –
Einen Augenblick ist es still, – dann hört man ein lautes herrisches „Halt !“ Gleich darauf kommt der Regisseur: „Tut mir leid, Ihr müßt die Szene wiederholen.“ „Warum denn ?“ fragt die Diva und mit ihr das ganze Tonfilmatelier. „Der Schuß ist zu früh losgegangen !“ erwidert der Regisseur. Der Aufnahmeleiter, der Hilfsregisseur eilen herbei, letzterer mit dem Revolver in der Hand. Ärgerlich nimmt der Aufnahmeleiter dem Unglücksraben den Revolver ab.
Die Szene wird wiederholt. Wieder ertönt die Stimme des Dieners, der anmeldet: „Eine Dame – – –“ und es folgt die hochdramatische Eifersuchtsszene, der Revolver, diesmal in der Hand des Regisseurs ist schußbereit.
Plötzlich haben die Diva und der Schauspieler im Ringen inne und starren entsetzt durch den Vorhang. „Was hat denn die Saylor-Ostyn ?“ Sie liegt auf dem breiten Diwan, verführerisch, aber seltsam verkrampft und starr. „Sie blutet ja !“ ruft jemand. „Schnell den Arzt !“ Entsetztes Schweigen – der Arzt findet eine Tote. „Da ist gar kein Irrtum möglich – sie ist aus einer Entfernung von einigen Metern erschossen worden !“
„Wo ist der Revolver ?“ fragt der Regisseur. Die Diva und der Schauspieler wissen es nicht und werden verlegen. Der Revolver ist verschwunden. Der Regisseur benachrichtigt telefonisch die Polizei und läßt alle Ausgänge des Ateliers schließen und bewachen.
Die Autos der Mordkommission mit Kriminalrat Holzknecht und Möller fahren in den Hof des Filmateliers. Die Beamten besichtigen eingehend den Tatort. Verhör – die Diva und der Schauspieler verwickeln sich in Widersprüche. Es kommt an den Tag: Noch gestern abend war der Schauspieler bei der Ermordeten, was die Diva, mit der er heimlich verlobt ist, gewußt hat. Vor Eifersucht fast rasend hat sie eine ganze Stunde vor der Wohnung der Saylor-Ostyn gewartet, und in der Wohnung selbst hat sich eine erregte Auseinandersetzung zwischen dem Schauspieler und der Ermordeten abgespielt. Die Kommissare geben den beiden Zeit zu einer Aussprache unter vier Augen und – unter dem Mikrophon. Die Diva halt ihren Partner für schuldig, der jedoch seine Unschuld beschwört. Er hat den Revolver nicht beiseite gebracht. Während die Kommissare den Diener vernehmen, schleppen Atelierarbeiter ein junges Mädchen herbei, daß sich verzweifelt wehrt.
Es ist eine Komparsin, die Darstellerin der ganz unbedeutenden Rolle des Stubenmädchens. Bei ihr hat man den Revolver gefunden. Sie weint und schreit, leugnet erst, aber schließlich gesteht sie: Ja, sie hat die Saylor-Ostyn erschossen, denn sie haßte die Konkurrentin, sie mußte es tun, sie konnte nicht anders. – –
Atemloses Schweigen – dann sagt Kriminalrat Holzknecht, der den Revolver in der Hand hat, ganz ruhig: „Warum lugen Sie ?“ Er zeigt den Umstehenden, daß der Revolver völlig eingerostet und gar nicht mehr verwendbar ist. Die ehrgeizige Komparsin hat sich nur interessant machen wollen und verschwindet beschämt. Die Diva und ihr Partner sind durch das Auffinden des Revolvers entlastet. Wer hat den verhängnisvollen Schuß abgefeuert ?
Die Kommissare bitten, die ganze Szene noch einmal zu wiederholen. Der Regisseur willigt ein, die Schauspieler stellen sich auf. Die Szene beginnt: Der Hauptdarsteller ruft: „Gib den Revolver her !“ In diesem Augenblick fällt ein Schuß ! – Es wird ganz still – alle Geräusche verstummen. Der Schuß kam vom Schaltkasten her. Die Kommissare eilen dahin. Ein Revolver wird entdeckt. Auf einmal: ein scharfer Knall. Dumpfe Detonationen – Stichflammen – Schreckensschreie – Feuer ?
Irgend jemand – der Mörder, die Mörderin ? – wollte eine Panik verursachen, um zu fliehen. Das Feuer wird gelöscht.
Wer ist der Brandstifter ?
Eine neue Spur wird aufgenommen und führt zum Erfolg.

Kritik (Georg Herzberg, Film Kurier #175, 07/26/1930):
Der „Tiger” war ein gelungener, aber doch noch ein tastender Versuch einen Kriminalsprechfilm zu schaffen. An den „Schuß im Tonfilmatelier“ ist man mit einem ganzen Bündel wertvoller Erfahrungen herangegangen: Das Ergebnis ist hundertprozentig. Alfred Zeißler, Regisseur und Produktionsleiter zugleich, hat der Ufa einen Bombenerfolg geschaffen.
An dieser Stelle wurde vor einer Woche die Forderung erhoben, sich bei der Tonfilmproduktion vor allen Dingen um eine interessante und spannende Handlung zu bemühen. Um eine Handlung, die es überhaupt erst wert macht, den ersten Ateliertag anzusetzen.
Diesem Film, der von Rudolf Katscher und Egon Eis nach einer Idee von Kurt Siodmak geschrieben wurde, ist das (beim deutschen Film sehr selten gewordene) Kompliment zu machen, daß er auf einem ausgezeichneten Manuskript basiert. Die Grundhandlung ist nicht nur spannend und in ihren Wendungen originell sondern sie ist auch zu einem Drehbuch verarbeitet worden, das es verdient, im Verein der Filmautoren ausgestellt zu werden.
Wie selten ist das glückliche Doppelereignis, daß ein guter Stoff gut verarbeitet wird ! Wie oft wurde eine gute Idee verhunzt, wie oft verschwenden fähige Drehbuchschreiber ihre Mühe an einem wertlosen Nichts. (Und wie oft waren Stoff und Drehbuch gleich schlecht.)
Bei Siodmak-Katscher-Eis klappt es. Da wird dem Kinobesucher von Berlin W. bis Prosemuckel ein Freß’chen vorgesetzt, nach dem er sich alle zehn Finger lecken wird. Da ist Spannung, Tempo, Humor, Steigerung, Abwechslung.
Die geistigen Schöpfer dieses Films haben erkannt, daß die Stärke des Tonfilms darin liegt, mehr zu enthalten als der stumme Film. Wollte man dieses Drehbuch in allen Einzelheiten und Nuancen stumm verfilmen, es gäbe einen dreiteiligen Episodenfilm.
Alfred Zeisler hat sich mit seinen Mitarbeitern von der Schreibmaschine glänzend verstanden. Man spürt, daß hier die Verständigung restlos war, daß hier die Verständigung restlos war, daß nicht nach Erscheinen der Kritik ein Autor angelaufen kommt und – meistens mit Recht – gegen die Verstümmelung seiner Idee zetert.
Alfred Zeißler ist mit der Frische und Begeisterung an seinen Film gegangen, die nur einer aufbringt, der mit seiner Erstlingsarbeit sich durchsetzen will. Wenn man mit ansehen muß, wie täglich Regisseure, die schon beim Stummfilm von Mißerfolg zu Mißerfolg schritten, auf teure Tonfilme losgelassen werden, mit dem Ergebnis, daß sich die Trilllerpfeifenhändler die Hände reiben, dann ist der Industrie erneut die bange Frage vorzulegen, ob sie nicht endlich für neues Blut bei der Filminszenierung sorgen will. Es ist ja nicht nötig, daß man über Nacht ganz neue Leute heranholt, die bis dahin sich etwa mit Brezelbacken beschäftigten. Es gibt doch so viele vom Bau, unter den Kameraleuten, Aufnahmeleitern, Schauspielern, die man wirklich einmal „heranlassen“ sollte
Daß dieser Kriminalfilm spannend ist, ist selbstverständlich. Daß er aber nicht nur in grusliger Mordatmosphäre macht, sondern ein paar Dutzend wirklich lustiger, witziger Intermezzi enthält, das ist seine Stärke. Zeißler kitzelt seine Pointen hervor aus dem dankbaren Milieu des geschickt dargestellten Atelierbetriebes.
Die Darstellerliste enthält an die dreißig Namen. Jedem ist die Chance gegeben, mit ein paar Worten aufzufallen. Das große Ensemble ist straff zusammengehalten.
Ernst Stahl-Nachbaur und Alfred Beierle sind die Säulen der Besetzung, die beiden Kriminalisten, die zähe und konsequent dem Geheimnis zu Leibe gehen. Keine Sherlock-Holmes-Figuren, sondern gescheite Menschen, die nicht zaubern können, aber gut nachdenken. Sehr sympathische Detektive.
Erwin Kalser gibt sachlich den Regisseur, dem man zutraut, ein Künstler zu sein. Paul Kemp ist eine glaubhafte Figur als Aufnahmeleiter. Erich Kestin hat ungezählte Lacher als dämlicher „Schlattenhammes“.
Es fallen noch auf: Ewald Wenck, Ernst Behmer, Hertha von Walther.
Robert Thoeren, die geheimnisvolle Figur des Films, ist ein beachtlicher neuer Name.
Gegenüber der trockenen Sachlichkeit der Fachleute können die Schauspieler Gerda Maurus und Harry Franck schwer aufkommen. Sie wirken auch in den Szenen, in denen sie nicht zu schauspielern haben, noch pathetisch.
Das tontechnische des Films ist vollendet. Man spürt die Technik gar nicht mehr, und das ist das Beste.
Werner Brandes lieferte ein klares Bild, W. A. Hermann und H. Lippschütz hatten als Architekten nicht viel zu tun. Der Film spielt meist zwischen Kabeln. Aufhellern und Praktikabeln.
Zum Schluß feierte ein gut unterhaltenes Publikum mit ehrlicher Begeisterung die Schöpfer des Films.
Die Ufa hat einen großen Schlager für die ersten-Saison-Wochen.

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