The Little Escapade

Originaltitel: Der kleine Seitensprung. Ehekomödie 1931; 88 min.; Regie: Reinhold Schünzel; Darsteller: Renate Müller, Hermann Thimig, Hilde Hildebrandt, Hans Brausewetter, Otto Wallburg, Hermann Blaß, Oscar Sabo; Ufa-Klangfilm.

Die frischgebackene Frau eines vielbeschäftigten Rechtsanwaltes glaubt ihren Mann wieder einer früheren Geliebten verfallen. Während er tapfer deren Fußangeln ausweicht, will sie sich revanchieren, besucht allein eine Bar übernachtet, allerdings ganz ehrbar, bei einem schüchternen Bekannten. Darauf Scheidungsabsichten des Mannes, doch schließlich Versöhnung.

Zusammenfassung
Walter Heller, der junge Rechtsanwalt, lebt als Flitterwöchner im siebenten Himmel, denn seine Erika ist bildhübsch, verliebt und, was man nicht immer gleichzeitig findet, treu.
Der Himmel dagegen, in dem der dicke Fabrikant Wernicke lebt, Ist nicht ganz so blau, denn seine Frau, die schöne Lona – ist ein Luderchen, aber ein recht appetitliches. – – Außer ihren Liebreizen hat sie auch eine Vergangenheit, in der gerade diese Liebreize nicht ganz unwesentlich waren, und zu der beherzten Männerschar, die an diesen Früchten genascht hat, gehört auch der jetzt so solide Rechtsanwalt Heller, mit dessen blondem Eheglück die pikante Lona durch das Band der Freundschaft verbunden ist. Zu gern möchte Lona, die sich langweilt, mit Heller wieder etwas anbändeln, so ein kleiner Seitensprung – im Andenken an frühere ungezählte Sprünge. Gedacht – getan! – Schnell wird dem überraschten Heller am Telefon eine Szene vorgespielt: Lona wird von einem Erpresser bedrängt, ihre Ehe ist in Gefahr, aber auch Helfers Ehe, denn der Schurke – weiß alles. Sie muß daher Heller dringend sprechen, gleich heute abend in dem gemütlichen Lokal, wo sie beide früher so oft – – – Del Schurke wird auch da sein! – Wütend schmettert Heller den Hörer hin, aber ohne ihn richtig aufzutragen, und so hört Erika den Rest der Verabredung – ihr Mißtrauen ist geweckt. Gerade heute, wo sie sich so auf das kleine Fest beim Dr. Max Eppmann, Hellers Freund, gefreut hatte. Als Heller fortgeht, brütet Erika erst Rache, dann einen Plan aus. „Na warte, Walter!’* Dieser ist unterdessen am Ort der Tat angelangt. Etwas später kommt Lona, heiter, verführerisch, schmeichelnd. Aber alle Künste der raffinierten Circe, die den „Erpresser” nur erfunden hat, um Walter in das Lokal zu locken, prallen an Walters Tugendpanzer ab. Er sagt der Freundin vergangener Tage sehr deutlich seine Meinung, und das Paar scheidet in Unfrieden und – ohne vor Wut den Klavierspier zu bezahlen.
Die blonde Erika ist inzwischen auch nicht müßig gewesen. Wenn ihr Walter bummelt, bummelt sie eben auch. Geladen mit Wut, Eifersucht und schlechten Vorsatz betritt sie schön und elegant ein mondänes Amüsierlokal. Und sie kommt in Stimmung, erst vor Wut, dann gefällt ihr die Sache – die Musik, der ungewohnte Sekt, die Chansons.
Liebling, wie wär’s,
Liebling, wie wär’s,
Brauchst Du ein Spielzeug,
Ich schenk Dir mein Herz,
Aber gib acht,
Denn über Nacht
Ist so ein Spielzeug
zerbrochen im Scherz –
Als sie schließlich zahlen will, merkt sie, daß sie kein Geld mit hat. Da kann nur einer helfen: Max Eppmann, der Musterknabe, Antialkoholiker und Stubengelehrte. Er wird telephonisch herbeizitiert und findet die reizende Erika in ziemlich vorgerücktem Stadium:
Kinder, ich hab’ einen Schwips, hup! Den herrlichsten Schwips, hup! Ja, mal so ein Schwips, hup!
Das ist was für mich.
Kinder, der Himmel ist blau, hup!
Die Erde ist blau, hup!
Auch Du bist so blau, hup! Am blauesten bin ich!
Heut kost’ ich alles aus, Heut geh’ ich nicht nach Haus, Weil ich ja ohnehin Ganz aus dem Häuschen bin!
Nach Hause will sie unter keinen Umständen, im Gegenteil, um ihren Walter besonders zu ärgern, will sie mit zu Max Eppmann, in sein keusches Junggesellenheim. Dortselbst spielt sich dann allerhand ab:
Heut hast Du Chancen bei mir, Heut will ich tanzen mit Dir, Heut ist mir so anders, Was kann das nur sein? Heut ist mir alles egal, Das kommt nur selten einmal, Heut könnt’ ich mir selber das Schlimmste verzeihn!
Ein Kuss fällt, und der strengdenkende Max weiß, daß er nun Erika heiraten muß. Verdammte Geschichte! Vorläufig schläft sie erst mal in Maxens Bett – aber ganz allein – ihr Räuschchen aus. – Walter ist bei seinem stürmischen Aufbruch mit Lona in einen
Platzregen geraten. Weit und breit keine Taxe! Da sieht Walter das leere Auto seines Freundes Max und leiht es sich gewaltsam aus. An einer Kreuzung fahren sie ein anderes Auto an. Entsetzt erkennt Lona ihren Mann und wütend Wernecke seine Frau. Das Paar flüchtet, aber Wernecke hat sich die Nummer gemerkt und weiß nun: der Verführer seiner Frau ist – Dr. Max Eppmann. – Wutentbrannt stürzt er zu seinem Anwalt, dem Dr. Heller, bei dem der besagte Eppmann gerade um die Hand von Erika anhält. Diese ist inzwischen nüchtern geworden und nimmt, als die Verwirrung den Höhepunkt erreicht hat, die Sache selbst in die Hand, so daß der, kleine Seitensprung keine schlimmen Folgen hat, im Gegenteil, Lona hat ihren dicken August wieder, und Erika muß ja wohl
ihrem Walter verzeihen, denn:
Mir ist wohl, Dir ist wohl,
Kommt das wohl vom Alkohol – –

Kritik (Hans Feld, Film Kurier #196, 08/22/1931):
Noch haben sich die Berliner Sprechbühnen von ihrem Sommerschlaf nicht zum Kampf um die tägliche Kasse aufraffen können. Während die Direktoren über Gegenfragen debattieren, gehen die Filmleute gegen die Krise an: Stärker als theoretische Erwägungen wirkt diese Propaganda der Filmtat.

Jeder Film trägt das Rezept des Erfolges in sich selbst. Nicht der Titel entscheidet; und ebensowenig die Frage, ob leicht oder schwer. Sondern: auf die Durchschlagskraft des Geschaffenen kommt es an –, auf die bestmögliche Fundierung; auf die geistige Verarbeitung.
In Anfang steht die Produktionslinie; immer wieder ist sie hier gefordert worden. Der Film selbst kann nur ein Produkt des Zusammenwirkens all derer Faktoren sein, die zuvor, zu bewußtem Tun mobil gemacht werden.
Bester Beweis dafür ist die Stapenhorst-Produktion und ihre Entwicklung. Vor der Frage der Gattung, der Ausarbeitung der Besetzung steht die einer zentralen Leitung. Ausfeilung, Konzentration – im technischen Apparat innerhalb der deutschen Industrie ja zumeist kein Problem mehr – gibt dem Einzelwerk den eigenen Stempel.
Damit wird der Zufall der Erfolgschance auf das bei den unwägbaren Dingen von Film und Theater erdenkbare Minimum begrenzt.

Der Film tritt das Erbe des Theaters an. Reinhold Schünzel, von der Bühne zur optisch-akustischen Kunst gekommen, ist klug genug, nur die Aktiv-Posten zu übernehmen. Er faßt ein Lustspiel in Filmform, löst Dialoge visuell auf.
Hatte man nicht allzu oft die Beschwertheit des leichten Genres gerade in der Fixierung deutscher Filmleute empfunden? Schünzels Arbeit weiß nichts davon. Die gallische Nichtigkeit einer Beinah-Ehebruchs-Geschichte ist ihm wichtig genug für eine Anderthalbstundenunterhaltung.
Es ist ein Brillieren im Detail, ein Jonglieren mit Episoden. Der Hintergrund, sonst so häufig nichtssagend und verwaschen, gibt reizvolle Aspekte. Ein Golfplatz, blendet kaum auf – und vermittelt schon einen dank der Unauffälligkeit besonders haftenden Eindruck. Betrieb der Allerweltsbar wird gezeigt, mit den nicht auf Kientopp-Feinheit hergerichteten Typen.
Ueberlegen, klug eingesetzt, in den Effekten bis auf den Zentimeter berechnet, gleitet es vorüber, reiht sich’s aneinander.
Schauspieler beleben dieses Milieu, vom Anordner auf Pointierung gedrillt. Die Unterlage des Drehbuchs wird im Tempo des Handlungsablaufs voll ausgenutzt. Da ist kein Leerlauf: nur Raum ist gelassen für Lachpausen, un die erweisen sich allerdings im Laufe des Abends als äußerst knapp bemessen: So wanglos überträgt sich die virtuos inszenierte Stimmung von der Leinwand her direkt auf das Publikum.

Schauspieler, deren Kunst auf der selbstverständlichen Handhabung des technischen Rüstzeugs beruht, werden in einem Zusammenspiel gezeigt, das die Vorbilder deutscher Theater-Kultur erreicht; und das Gros der verdämmernden Gattung im Reich weit übertrifft.
Die gleichmäßige Liebenswürdigkeit der Renate Müller wurde durch die verdiente Karriere in der Diszipliniertheit erfreulicherweise nirgends gehandicapt. Eine reizende Schwipsszene ist ein gern gesehenes Solo.
Hermann Thimig als Gegenspieler bewegt sich in charmanter Diskretion. Filmbonvivants, seht ihn euch an, und lernt von ihm. Vor einer neuen Entwicklung: Hans Brausewetter, der endlich einmal in die Möglichkeit versetzt wird, seine Charakterisierungen leichter Komik zu erproben.
Selbst die Schlange der Hilde Hildebrand rollt sich mit Zurückhaltung um ihr Opfer.
Es wird gebeten, das Stürzen zu vermeiden . . . – diese ständige Mahnung des Regisseurs wird in solchem Falle als besonders angenehm empfunden.
Ein prachtvolles Zwischenspiel gibt Hermann Blaß als Stimmungs-Klavierspieler. Die Eskapaden dieses dem Alltag entsprungenen Tastenquetschers werden von Lachstürmen der Besucher akkompagniert. Noch in Dreiminuten-Rollen sind Gestalter mit Leistungen von Persönlichkeit eingesetzt. Oskar Sabo, Paul Westermeier. Wie schade, daß Otto Wallburg sich mit längst bewährtem Brabbeln begnügt.
Das Technische ist untadelig. Die Arbeit der Autoren Reinhold Schünzel und Emmerich Preßburger, der Ton Dr. Erich Leistners; die Kamera des Werner Brandes, Schlichtings Bauten.

Es ist eine kultivierte Unterhaltung, die im Gloria-Palast lautes Echo findet; die Ufa hat ihre – „Million.” (Wertet es aus, Schauleute im Reich!)
Froh, in einer großen aber nicht unbeschwerlichen Zeit auch einmal heiter gestimmt sein zu dürfen, lacht man. Und ist doppelt dankbar, sich dieses Lachens hinterher nicht schämen zu müssen.

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