The Tiger Murder Case

Originaltitel: Der Tiger. Kriminaldrama 1930; 62 min.; Regie: Johannes Meyer; Darsteller: Charlotte Susa, Harry Frank, Hertha von Walther, Max Wilmsen, Trude Berliner, Max Maximilian, Ernst Dernburg, Ernst Behmer; Ufa-Klangfilm.

Während die Mordtaten eines geheimnisvollen Verbrechers die Öffentlichkeit in Atem halten und die Polizei einen Hochstapler irrtümlich der Verbrechen beschuldigt, kommen sich bei einem Einbruche „Kollegin“ und „Kollege“ in die Quere. Letzterer entpuppt sich aber schließlich als Kriminalkommissar und hat seine „Kollegin“ als den gesuchten Verbrecher entlarvt.

Zusammenfassung
In der Verbrecherkneipe herrscht meist Stimmung und Humor, man fühlt sich wie zu Hause – solange nicht geschossen wird. – Heute jedoch sind die Gäste – unter fünf Jahren Gefängnis kommt keiner rein – etwas beunruhigt. Wieder einmal hat der rätselhafte Tiger ein dreistes Verbrechen begangen, und wieder hat der Ermordete dieselbe Wunde mitten in der Stirn, die alle Opfer des Tigers hatten. – Wer ist der kühne, vor nichts zurückschreckende Verbrecher ? Niemand weiß es, auch die Gannoven nicht, und das Ist das Seltsame an dem Fall. – Ein eleganter Herr im Frack lehnt nachlässig an der Theke. Als er seinen Schnaps bezahlt, sehen die andern einen funkelnagelneuen Hundertmarkschein. „Aha“, denkt Zaubergustav, „dem Jungen werde ich mal auf den Zahn fühlen – – – !“ Aber Gustav hat Pech – noch ehe seine sonst so sichere Hand das Paket neuer Scheine in der bereits wie ein Bündel Flicken in eine Ecke. Der Mann im Frack versteht keinen Spaß und will sein sauer erworbenes Geld lieber selber nach Hause tragen. – Ein Zeitungsverkäufer erscheint. In riesigen Leitern liest man von einem neuen frechen Mord des Tigers. Ein Kassenbote ist das Opfer gewesen. Die Mordkommission steht vor einem Rätsel. Aber diesmal ist ein Anhaltspunkt da: Das Nummernverzeichnis der geraubten Banknoten, welches in der Aktentasche des ermordeten Kassenboten gefunden wurde. – Ein neu in die Hauptstadt versetztes Mitglied der Kriminalpolizei soll den ganzen Tigerkomplex bearbeiten. Die Belohnung für die Auffindung des berechtigten Verbrechers ist erhöht worden. – Zaubergustav, dem noch alle Knochen von dem sicheren Griff des Herrn im Frack schmerzen, erinnert sich des neuen Hundertmarkscheins, mit dem sein Gegner bezahlt hat. Die Tausender Belohnung locken, besonders wenn man gleichzeitig seine Rache kühlen kann. Gustavs Plan ist fertig ! Ein neues Paar betritt die Kellerkneipe, eine elegante Ausländerin mit ihrem Kavalier im Frack. Die Dame trägt ganz offen ihren wertvollen Halsschmuck, trotz der Warnung ihres gräflichen Begleiters. Mit dem brennenden Interesse der Weltdame für alles Unterirdische betrachtet sie das Treiben. – Wiederum öffnet sich die Tür, und die Kellertreppe herunter kommt ein Herr im Mantel. Jeder – außer den Fremden – weiß Bescheid: Der Kriminalkommissar ! Beinahe wohlwollend mustert er die ihn alle wohlbekannten Stammgäste. Dann forscht er bei dem Wirt nach Geldscheinen – – – vergeblich ! Einen frechen Scherz den Herrn Im Frack überhört er verächtlich und geht wieder. – In der Loge neben der Ausländerin und dem Grafen ist eine elegante bildhübsche Blondine im Abendkleid erschienen. Der Mann im Frack scheint ihr zu gefallen, mehr als der Ringkämpfer, und bald sitzen die Beiden bei einer Flasche Sekt zusammen. – Plötzlich – ein Knall ! Sterbend liegt die Ausländerln auf dem Fußboden der Loge. Der Schuh saß mitten In der Stirn! Der Schmuck ist fort ! Der Graf ist verschwunden ! – Sofort ist eine Polizeistreife zur Stelle. Der Wirt wird vernommen, hat natürlich nichts gesehen und gehört. – Aber den Grafen hat man gefaßt, als er fliehen wollte. Er wird als ein langgesuchter, internationaler Hochstapler entlarvt. Der Kommissar sagt ihm auf den Kopf auf „Sie sind der Tiger !“ Die Pistole des Grafen ist frisch abgeschossen und eine Patrone fehlt. Der Tiger scheint in der Falle zu sein, gleich darauf stellt sich jedoch heraus, daß der Graf zumindestens an diesem Mord unschuldig ist. – In vornehmer Ruhe liegt die Villenstraße. Ein gut gekleideter Herr bleibt vor einem Hause sieben. Ein rascher Blick rechts und links, schon hat er das Gitter überklettert ! Die Scheiben klirren leise – er zeigt ins Fenster, bewegt sich gewandt und lautlos in der Wohnung. Trotzdem hat jemand ihn beobachtet, – die blonde Dame aus der Kneipe, die ihm heimlich gefolgt ist. Wie eine Katze schleicht sie ihm nach, steht plötzlich vor ihm. Zwei Verbündete ? Zwei Todfeinde ? – Jäh verlöscht das Licht ! Schüsse krachen ! Ein schwerer, dumpfer Fall, wie wenn eine riesige Falle zuschlägt – – – Der Tiger ist gefangen !

Kritik (Hans Feld, Film Kurier #092, 04/16/1930):
Deutscher 100%iger Tonfilm.
Nun hat sich der deutsche Sprechfilm auch das Gebiet des Kriminalschlagers erobert:
Der Tiger, ein geheimnisvoller Mörder, schlecht hörbar, sichtbar über die Leinwand des U. T. Kurfürstendamm. In Kürze wird er bei all den Theaterbesitzern im Reich, die über eine Wiedergabe-Apparatur verfügen, ein gern gesehener Gast sein.

Spannung bis zuletzt, auf diesem einfachen und doch nur selten benutzten Rezept des wirksamen Kriminalwerkes basiert auch diese Geschichte vom unbekannten Verbrecher, der durch seine Taten Berlins Kriminalpolizei und das zusehende Publikum gleichermaßen im Atem hält.
Natürlich fehlt es nicht am alten Handwerkstrick, den wahrhaft Unschuldigen zuerst zu verdächtigen. Und wenn sich Kundige, an Karl May, Conan Doyle und Wallace Geschulte schon bald denken können, was Namen und Geschlecht dieser Tiger ist –, beim Schlußdreh, der sich rein akustisch, auf Blankfilm abspielt, sind sie doch gespannt.
Die Endlösung erfolgt dann mit wohltuender Kürze. „Der Fall Tiger ist erledigt.“

Es berührt ungemein sympathisch, mit welcher Sauberkeit der Mittel dieser Film hergestellt worden ist.
Wie alle Produkte der Zeisler-Produktion, ist auch er von einer wohltuenden Präzision des technischen Apparates. Da gibt es kein Zufallsfunktionieren kein Auseinanderklappen der Faktoren.
Das Zusammenwirken aller Kräfte, die Vorbereitung des Stoffes, die Arbeit am Darsteller noch vor Beginn der Aufnahme und . . . die selbstverständliche Handhabung der Maschine, das entscheidet den Erfolg auch in der tönenden Aera.
Zurüstung, Vorarbeit, nicht nachdrücklich genug kann darauf hingewiesen werden. Hier ist sie vorbildlich geleistet worden.

Das Milieu, Verbrecherlokalität, unterscheidet sich vorteilhaft vom Ortsüblichen.
Man scheut sich nicht, der Unterwelt anstatt einer falschen Romantik das fast möchte-gern-bürgerliche Air zu geben, das ihr in Wirklichkeit eignet. Wirt, Zuhältertaschendieb, Zuhälterringkämpfer und die Mädels, eine nette Chawrusse; Humorlichter auch in der Tiefe.
(Der Hang zum Idyll, der Menschendrang, noch im Grau Lichter zu sehen, das ist im Grunde die wahre Tragik der Unteren . . . für den Betrachter.)
Diskrete Apachenstimmung mit einem tantiemefreien Gruß an Schnitzlers „Grünen Kakadu“. Wie leicht erscheint es, hinterher, aus Einzelbeobachtungen ein farbiges Bild zusammenzusetzen, wenn man zuvor diese Einzelheiten überlegte.

Neue Schauspieler herausstellen ! Eine immer wieder erhobene Forderung, die in solchem Maße nie in den letzten Jahren erfüllt wurde:
Die damenhaft blonde Schönheit Charlotte Susas wird zur Geltung gebracht. Ein Sprechfilm-Debut, das voll gelang.
Besonders angenehm berührt ihr Verzicht auf fingiertes Vamptum. Das Salonfach der Sprechgattung ist um eine Frau von Format bereichert.
Ihr Partner, Harry Franck, sprachlich wie darstellerisch gleich sicher, erweist sich ebenfalls als starfähig, ohne im geringsten sich mit Starambitionen vorzudrängen. Ungesucht elegant, natürlich in Ton und Haltung.
Nachwuchs an geeigneten Kräften für erste Rollen ? Soviel man will. Man muß sie nur finden wollen.
Auch in den kleinsten Episoden sind gute Sprecher, gewandte Schauspieler zu verzeichnen: Hertha von Walther, Ernst Dernburg, Viktor Gehring, Alfred Beierle.
Typen von verblüffender Echtheit: Der Gannove des Erich Kestin, der Ringer, Henry Pleß.
In einer Tanznummer Jens Keith, accompagniert von Trude Berliner, der man ein besseres Lied gewünscht hätte als Kollos selbst textierte Kompilationen.
Einen Sondererfolg holt sich Max Maximilian in der Rolle des Wirts; eine Prachtleistung der Kleinkunst.

Die technischen Mithelfer: Johannes Meyer, der Regisseur, bedacht auf natürliche Dialoggestaltung.
Carl Hoffmann, der Kamerameister, erkennbar an ein paar Helldunkel-Stimmungen.
Bauten: W. A. Herrmann, Ton, Dr. Erich Leistner. Für die Basis der Kriminalnovelle zeichnen Rudolf Katscher und Egon Eis.

Unterhaltung im Kino, eine internationale Forderung. Mit diesem Film wird sie restlos erfüllt.
Daß man es unter bewußter Hinzuziehung neuer Kräfte tat, mit größtmöglicher Rationalisierung, bleibt über den Anlaß hinaus beachtenswert:
Tonfilm, reif für alle. Tonfilm in technischer Beherrschung der Produktionsbasis . . . in wie kurzer Zeit ist ein Jahrelanger Vorsprung des Auslandes erreicht und überholt worden !

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