Two Hearts in Waltz Time

Originaltitel: Zwei Herzen im ¾-Takt. Liebeskomödie 1930; 96 min.; Regie: Géza von Bolváry; Darsteller: Walter Janssen, Willi Forst, Oskar Karlweis, Gretl Theimer, Irene Eisinger, S. Z. Sakall, Karl Etlinger, Paul Morgan, Paul Hörbiger, Irene Eisinger; Super-Tobis-Film.

Ein Operettenkomponist ist seinem Direktor während der Proben noch den Schlager-Walzer schuldig, auf den er dann wieder vergisst, nachdem er ihm glücklich eingefallen. Ein unbekanntes Mädchen, das ihn zu seinem Opus inspirierte, ist verschwunden, erscheint aber am Abend der Generalprobe unerwartet, singt den Walzer und rettet die Premiere. Sie ist die Ziehschwester der beiden Librettisten, heiratet aber den Tonsetzer.

Zusammenfassung
Beim Heurigen in Grinzing ! Das Schrammelquartett spielt den berühmten Schubertschen „Ersten Walzer“, der schon über hundert Jahre das Ohr des Wieners erfreut und der die besten Aussichten hat, noch weitere hundert Jahre populär zu bleiben. – Unter den Gästen des Lokals, neugierig und verstohlen von den andern beobachtet, sitzen Toni Hofer, zurzeit Wiens berühmtester Operettenkomponist, und seine Freundin Anni Lohmeier, eine Soubrette, die alle seine Schlager kreiert. Toni Hofer ist heute nicht gerade guter Stimmung, er bezweifelt, daß jemals ein Lied von ihm so die Zeiten überdauern werde, wie jener Schubertsche Walzer. Anni versucht, ihm eine andere Meinung von seiner Popularität zu geben. Die neue Operette, deren Buch Tonis bewährte Librettisten, die Brüder Vicky und Nicky Mahler, gerade fertigstellen, werde ihm neuen Ruhm bringen. Das unzertrennliche Dreieck: „Musik von Toni Hofer, Buch von Vicky und Nicky Mahler“ werden schon einen neuen Sieg erringen. – Vicky und Nicky haben wieder einmal ihren täglichen Streit. Zwar sind sie beide ein Herz und eine Seele, aber das hindert sie nicht, einmal am Tag über eine Nichtigkeit sich zu erzürnen, sich Grobheiten ins Gesicht zu schleudern, bis einer einen guten Witz macht und alles wieder gut ist. Eben hat Vickys Witz die Atmosphäre gereinigt, als Weigl, Toni Hofers Faktotum, eintritt, um ihnen mitzuteilen, daß die Premiere der neuen Operette „Zwei Herzen im 3/4-Takt“ in vierzehn Tagen stattfinden soll. Noch heute wünscht der Direktor des OperettenTheaters Hofer und die Brüder Mahler zu sprechen, um sich die neue Operette vorspielen zu lassen. Aber Toni ist verschwunden. In der Oper kann er nicht sein, wie Weigl sagt, denn dort gibt’s Puccini, und der hat für eine Operette zu viel Sentiment, im Apollo kann er auch nicht sein, denn das musikalische Repertoire dieser Bühne habe sein Herr schon mehrfach verwendet. Bleibt nur Grinzing, dort muß er sein, denn für die Operette fehlt noch ein echter Wiener Walzer, und den hört man nur in Grinzing. Weigl kennt seinen Herrn ! – So holen Vicky und Nicky den Toni Hofer von Grinzing ins Theater, um die Operette vorzuspielen. – Während Vicky dem Direktor die Handlung zu erzählen beginnt, spielt Toni die ersten beiden Schlager der Operette. Der Direktor ist begeistert. Doch als er nach dem Wiener Walzer fragt, der in jede Wiener Operette gehört, da muß Toni Hofer bekennen, daß ihm noch nichts eingefallen ist. Verzweifelt ringen alle die Hände ! Eine Wiener Operette ohne Wiener Walzer ! – unmöglich ! Zerstoben sind die Zahlenträume des Direktors. Und in vierzehn Tagen muß Premiere sein ! Hofer erklärt, nicht auf Kommando komponieren zu können, alles schreit durcheinander, alles erzürnt sich, bis Hofer die Tür hinter sich zuknallt und verschwindet. – Mittwoch. In Mödling, am Anningerberg, in einer kleinen Villa, sitzen Vicky und Nicky Mahler bei ihrer Schwester Hedi. Kein Mensch, selbst Toni nicht, ahnt, daß die Mahlers eine Schwester haben. Jeden Mittwoch besuchen die Brüder die Schwester. Heute haben sie der Hedi ein großes Abendkleid und wunderhübsche Schuhe mitgebracht. Am 15. Dezember, an Hedis Geburtstag, soll sie mit den Brüdern zur Premiere der neuen Operette nach Wien fahren. Hedi ist überglücklich, dann endlich einmal den berühmten Hofer kennenzulernen. Das aber haben Vicky und Nicky gerade nicht gewollt, ihre Hedi soll sich nicht in den Toni verlieben, der jeder Schürze nachrennt. Wieder ist der tägliche Streit da. Plötzlich läutet das Telephon. Weigl ist am Apparat. Toni, den er bewachen sollte, bis der Walter vollendet ist, hat sich auf und davon gemacht. Nach Vöslau in seine Sommervilla ist er gefahren, Weigl aber hat den Auftrag, dreißig Gäste telephonisch nach Vöslau für den Abend einzuladen. Sofort verbietet Vicky ihm diese Einladungen, ungestört und in der Ruhe Vöslaus soll Toni den Walzer komponieren. Die Brüder verabschieden sich von Hedi, um nach Wien zu eilen, nicht ohne ihr versprochen zu haben, nach der Premiere eine ganze Woche nach Mödlin zu kommen. Hedi aber hat einen Plan, wie sie Toni Hofer kennenlernen will. – In Vöslau, in Tonis Villa, ist alles zum Empfang der dreißig Gäste gedeckt. Doch nur ein Schlitten fährt vor. Hedi ! Verdutzt empfängt sie Toni. Und wird noch verdutzter, als er erfährt, daß sie der erste und der letzte Gast sein wird. Was bleibt ihm übrig, er muß sich Hedis Wünschen fügen, die ihm vorschlägt, er solle sie zum Essen einladen und dann die Operette ihr vorspielen. Und Toni tut es nur zu gern ! Leider will Hedi ihm nicht ihren Namen sagen, – Fröhlich verläuft das Essen, fröhlich beginnt Toni mit Hedi zu flirten, es kommt zu einem Kuß, und schließlich hat Hedi erreicht, was sie erreichen wollte: Toni sitzt am Klavier und hat den langgesuchten Walzer gefunden ! – Als er den Refrain wiederholt hat und sich umdreht, ist Hedi verschwunden ! Er eilt ihr nach und läuft den Mahlers und dem Direktor in die Arme, die nach Vöslau gekommen sind. – Er soll ihnen den Walzer vorspielen, aber die Stimmung, der Rausch der Stunde mit Hedi ist verflogen, und mit ihm die Walzermelodie ! Und keiner kennt das Mädchen, das den Walzer hörte und mitgesungen hat ! – Probe im Theater. Verzweifelt fragt der Direktor nach dem Walzer, aber Hofer hat ihn immer noch nicht gefunden. Bis der alte Praktiker Weigl auf die Idee kommt, die Patin des Walzers durch ein Inserat zu suchen. Das Inserat erscheint am nächsten Tag. Bestürzt lesen es in Mödling drei Menschen. Vicky und Nicky eilen nach Wien, um Toni vor weiteren Blamagen zu bewahren. Hedi folgt ihnen heimlich am Abend nach. – Am Abend der Generalprobe, nach der ordentlichen Vorstellung. Toni dirigiert gerade das Finale, als Vicky und Nicky ins Foyer gerufen werden, wo der alle Notar der Familie, Novotny, ihnen eine wichtige Mitteilung zu machen hat. Pedantisch wie immer, bittet Novotny die Brüder, bis zum Glockenschlag 12 zu warten, denn am Beginn des 15. Dezember habe er einen Brief der verstorbenen Eltern zu überreichen. – Im Theater ist die Probe beendet. Pessimistisch hat der Direktor mit dem Kassierer das Parkett verlassen, nur Toni ist zurückgeblieben Da führt Weigl Hedi plötzlich auf die Bühne. Mit einem Aufschrei der Freude eilt Toni zu ihr, sie singt den Walzer, Toni begleitet sie auf der Violine. – Langsam kommen die Musiker aus dem Musikerzimmer zurück ins Orchester, alle Instrumente fallen nach und nach ein, und als Vicky und Nicky, die eben erfahren, daß Hedi nur ihre Adoptivschwester ist, das Parkett betreten, da hören sie den Walzer und sehen, wie Toni und Hedi sich in den Armen liegen.

Kritik (Georg Herzberg, Film Kurier #064, 03/14/1930):
Deutscher 100%iger Tonfilm.
Ein Riesen-Bomben-Monstre-Erfolg. Der Kritiker stellt sich, dankbar für zwei entzückende Stunden, an die Seite des beifallrasenden Publikums. Der Film wird neue Kassenrekorde aufstellen, er wird neue Publikumsmassen und neue Industriekreise davon überzeigen, daß Tonfilm keine Modesache und kein Experiment ist, sondern daß wir in den letzten zwei Jahren das Erstehen einer neuen entwicklungsfähigen, existenzberechtigten Kunst miterlebt haben.
Der Film singt und spricht und wir wollen den Ton nie, nie mehr missen.
Dieser Film nimmt nicht nur denen, die mit künstlerischen Argumenten gegen den Tonfilm eiferten, das letzte Lüftchen aus den Segeln, sondern auch den Gegnern mit Papier und Bleistift, die ihm die wirtschaftlichen Chancen absprechen. Man höre, staune und werde sich der epochemachenden Tragweite des Nachstehenden bewußt: Der Film ist in 23 Ateliertagen gedreht worden, vom 29. Januar bis zum 23. Februar. Und er hat noch nicht dreihunderttausend Mark gekostet.
Er hat also an Zeit und Geld um wenige Prozente mehr verschlungen als ein anständig und sorgfältig gemachter stummer Film. Es gibt viele Pioniere des Tonfilms, Julius Haimann, der Produzent, wird in die Tonfilmgeschichte als der Ford der neuen Kunst eingehen. Er schuf erstklassige Gebrauchsware für erschwingliches Geld. Bei diesem Film gibt es keinen mißvergnügten Mitarbeiter, der abseits stand oder während der Produktion aus der Reihe tanzte. Haimann hielt sie alle, die vielen Darsteller, den Regiestab, die Techniker, die Autoren, die Musiker beieinander. Und das Ergebnis ist eine unerhörte Geschlossenheit und Einheitlichkeit des Ganzen. Restlos haben sich alle Beteiligten über die Ansicht hinweggesetzt. Tonfilm sei noch irgendein Wunder, dessen Dasein es sich imponiere. Das Wunder ist selbstverständlich geworden, man beherrscht es bis ins einzelne. Aus ist es mit den Geräuschen um der Geräusche willen, aus ist es mit dem gespreizten Titeldeklamieren der Darsteller, die da alle dreißig Meter drei inhaltschwere Worte in das Mikrophon geben.
In diesem Film wird geredet und gespielt und gesungen wie auf einer ganz erstklassigen Operettenbühne. Dr. Bagier hat die letzten Hindernisse, die letzten Fesseln beseitigt, die Aufnahme-Apparatur ist gebändigt und zeigt keine selbsteherrlichen Macken mehr.
Walter Reisch und Franz Schulz sind die Autoren, bewährte Schöpfer stummer Filme, de das Wesen der neuen Kunst erfaßt haben. Nicht jeder wird wie sie den Anschluß finden.
Es geht in diesem Sujet nicht um weltbewegende Dinge. Es wird ein flottes Libretto geliefert, mit einprägsamer, flüssiger Handlung, mit glänzend herausgearbeiteten Situationen, imponierend vor allem die Geschlossenheit vom ersten bis zum letzten Buchstaben, die brillante Lösung der schwierigen Uebergangsprobleme. Jeder Dialog fördert die Handlung. Jeder Witz gehört zum Werk. Sogar die notwendigen Gesangseinlagen sind mit einem Raffinement in die Handlung gefügt, wie es nur in wenigen Operettenlibrettis zu finden ist. Da nämlich die Hauptpersonen die Schöpfer einer neuen Operette sind, so wird es dem Zuschauer ganz selbstverständlich gemacht, daß da oben der Komponist seinem Direktor die neuen Schlager vorspielt.
Geza von Bolvary, der Regisseur, liefert ideale Zusammenarbeit mit seinen Autoren. Er löst, ohne daß der Zuschauer etwas von Anstrengung merkt, die schwierige Aufgabe der neuen Tonfilmregie. Er führt seine Darsteller wie der kundigste Bühneninszenator und er weiß dazu die Grenze, wo der Film andere Nuancen, anderes Hinstellen, andere Gesten erfordert. Bühne und Film kommen beide zu ihrem Recht. Es ist nur zu wünschen, daß aus dem großen Kreise der deutschen Film- und Bühnenregisseure noch viele diese eminente Begabung für die neue Kunst zeigen. Dann wird es einen Wettkampf geben zwischen Berlin und Hollywood, bei dem das Publikum als lachender Dritter vor Freude jauchzen wird. Einen Wettkampf, der nur mit Geist und Witz und Können und nicht mit Geld entschieden wird. Einen Wettkampf, in dem unsere Chancen weit besser stehen als beim Ringen um die stumme Filmkunst.
Denn jetzt können unsere unerhörten Bühnenschauspieler, die seit Jahren in Berlin das beste Theater der Welt liefern, mit hundertprozentigem Gebrauch ihrer Waffen eingreifen. Aus wird es sein mit dem „Managen“ von Filmstars, deren Nichtskönnen Riesenreklame und Regiekniffe im stummen Film gnädig verdecken konnten. Aus wird es sein mit den hübschen Larven beiderlei Geschlechts, die mit weniger Können bisher auskamen als der kleinste Bühnenkomparse. Der Tonfilm wird unbarmherzig zeigen, was an unseren Darstellern wirklich ist, denn jede Tonfilmszene erfordert selbständiges Arbeiten, in wenigen Tonfilmmetern wird sich das Schauspielerkönnen klarer erweisen als bisher in einer ganzen Filmserie.
Haimann hat seinen Film mit Geschick und Umsicht besetzt. Auch mit Mut, denn die Hauptrolle spielt eine Debutantin. Wir haben beglückende Schauspieler-Zusammenarbeit, wir haben ein Ensemble im guten Sinne des Bühnenwortes.
Aufmarschiert die Herrschaften. Das seriöse Liebepaar: Der vornehm und kultiviert spielende Walter Janssen, dem man seinen erfolgreichen Komponisten glaubt und Gretl Theimer, die Novize, ein süßes, frisches und hübsches Wiener Mädel, noch ohne große Routine, aber sehr entwicklungsfähig. Sie wird bei Haimann und Bolvary für diesen glücklichen Start recht oft dankeschön sagen müssen.
Folgt das Brüderpaar Oskar Karlweiß und Willy Forst. Im Bühnenjargon gesprochen, sind beide glänzende „jugendliche Komiker“. Herrlich sind sie in einer Girl-Parodie. Man grübelt erfolglos, wer besser ist. Ihr Spiel geht ineinander über, sie werfen sich die Pointen wie Bälle zu.
Irene Eisinger, für die ebenfalls der Film wenig bekannter Boden ist, hat in einer Soubrettenrolle einen starken stimmlichen Erfolg. Bildlich wirkt sie wenig glücklich, die Filmgroßaufnahme läßt schärfer sehen als das Rampenlicht. Tonfilm wird allem Anschein nach ein Kompromiß werden zwischen Bühne und Film, ein Kompromiß, das beiden „Parteien„ gerecht werden muß,
Szöke Szakall erweckt Lachsalven als eigensinniger Theaterdirektor, Karl Etlinger holt sich mit feinen Mitteln seine Lacher in einer Faktotum-Rolle. Paul Hörbiger singt in einer „Zwischenaktszene“ – der einzigen, die von den Autoren nicht in die Filmhandlung eingefügt wurde – mit Bravour Schnaderhüpferln. Paul Morgan als schrulliger Notar und August Vockau als Urwiener schließen den Kreis der Komiker.
Tiber von Halmay, ein Sänger mit Akrobaten-Körper, gefällt in einer Operettenszene.
Lang ist die Liste der Techniker. Willi Goldberger und Max Brink zeichnen für die erstklassige Bildphotographie. Fritz Seeger lieferte den Ton, der klar und rein erschallt. Robert Neppach ist der Schöpfer der stimmungs- und geschmackvollen Dekorationen. Entgegen sonstigem Gebrauch sei der Vorspann ganz abgeschrieben. Regie-Assistenz Josef von Baky; Aufnahmeleitung Fritz Brunn.
Noch einmal: Es war ein Tonfilmsieg.

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