Vienna, City of Song

Originaltitel: Wien, du Stadt der Lieder. (Donauwellen.) Posse 1930; 100 min.; Regie: Richard Oswald; Darsteller: Charlotte Ander, Paul Morgan, Max Hansen, Igo Sym, Irene Ambrus, Grete Natzler, Dora Hrach, Sigi Hofer, Sig Arno, Paul Graetz, Max Ehrlich, Gustl Stark-Gstettenbaur; Oswald-Tobis-Film.

Ein Musikalienhändler und ein Schneidermeister, deren Kinder gegen den Willen der Väter verlobt sind, ein Zeitungssetzer, der mit des ersteren Gattin poussiert, und ein Fleischhauer, welcher das Mädchen aussichtslos liebt. Der von dem Schriftsetzer inszenierte, angebliche Haupttreffer der beiden Geschäftsleute bringt diese außer Rand und Band, die Aufklärung des Irrtums wieder zur Raison. Da aber die Kinder den Haupttreffer gemacht, heiraten sie.

Zusammenfassung
Steffi, die bildhübsche Tochter des Wiener Instrumentenhändlers Ignaz Korn, liebt Pepi, den stellungslosen Musiker. Aber nicht nur dessen Vater, der Schneidermeister Pokorny, ist gegen die Heirat, sondern auch Steffis Vater ist dagegen. Korn mochte seine Tochter gern mit seinem Partner am Kartentisch, dem Fleischermeister Burgstaller, verheiraten, der Steffi verehrt. – Korn, Pokorny und Burgstaller haben ihre regelmäßige Kartenpartie im Kaffee Bock, dessen Besitzerin, die liebreizende junge Witwe Bock, von ihrem Oberkellner Ferdinand sehr verehrt wird. Ferdinand ist der Freund aller Gäste, behandelt sie aber ihren Bestellungen gemäß und schläft mehr, als er verdient. – Ilona, die langjährige Verkäuferin in Burgstallers Geschäft, sieht wehen Herzens die Zuneigung Burgstallers zu Steffi. Burgstaller und Korn spielen jeder ein viertel Klassenlos, und zwar beide die gleiche Nummer. – Der Zeitungssetzer Cäsar Grün, welcher sich in unangenehmster Weise als Kiebitz betätigt, wird eines Tages aus dem Kaffeehaus hinausgeworfen. Durch den Kellner Ferdinand hat er die Nummer des Loses erfahren, welches Burgstaller und Korn spielen. Am Nachmittag, als er in der Zeitung die Ziehungsliste der Klassenlotterie setzen soll, bemerkt er, daß eine ähnliche Nummer wie Korn und Burgstaller sie spielen, den Haupttreffer gezogen hat. Aus Rache verdruckt er nun die Nummer und überbringt Korn und Burgstaller die Zeitung, aus welcher ersichtlich ist, daß das Los Korns und Burgstallers den Haupttreffer gezogen hat. – Burgstaller und Korn sind nun überglücklich und laden alle zum Heurigen ein. Auch der Berliner Reisende Piefke kommt mit, der mit seiner Berliner Schnauze alles zum Schweigen bringt. Burgstaller zerschlägt in einem Anfall von Größenwahn sein altes klappriges Auto, schenkt Ilona das ganze Geschäft, und Frau Korn bestellt sich völlig neue Möbel und läßt die alten sofort abholen. – Beim Heurigen herrscht großer Jubel. Korn und Burgstaller zahlen alles, die Stimmung steigt. – Aber mit dem Alkoholgenuß kommt auch langsam der „große Krach“, ein Wort gibt das andere, die Tischrunde entzweit sich, und selbst Pepi und Steffi werden böse miteinander. – Am nächsten Tage folgt der Katzenjammer und die Berichtigung der Losnummer, und nun sind Burgstaller und Korn ärmer als zuvor. Burgstaller, dem nun auch sein Geschäft nicht mehr gehört, rechnet damit, die Steffi heiraten zu können, sieht sich aber, da er zu ihr geht, um seinen Antrag anzubringen, enttäuscht, denn Steffi und Pepi haben mit ihrem Los ein paar Tausender gewonnen und sind eben im Begriff, aufs Standesamt zu gehen und ihr Aufgebot zu bestellen. Wehmütig bleibt Burgstaller zurück. Da kommt Gustl, der Pikkolo aus dem Kaffee Bock, um Burgstaller zur Kartenpartie zu holen, und hält ihm einen Vortrag über die „Weiber“. – Als Burgstaller gerade gehen will, erscheint Ilona und sagt ihm traurig, daß sie das Geschäft nicht anzunehmen gedenke. Sie will sich verabschieden, um die Stellung aufzugeben. Aber Burgstaller läßt die treue, gute Stütze seines Geschäftes nicht ziehen. Auch der Oberkellner Ferdinand, der an Korns Losgewinn auf Grund eines Darlehns mit 10% beteiligt war, kehrt reuig wieder zu seiner Frau Bock zurück. – Und drüben im Instrumentenladen sitzen selig Pepi und Steffi, ihr Aufgebot in Händen, und im Hof spielt ein Werkel: „Wien, du Stadt der Lieder“.

Kritik (E. J., Film Kurier #077, 03/29/1930):
Deutscher 100%iger Sprech- und Gesangsfilm.
Bald wird man die „100%“, die Hundertprozentigkeit des deutschen Sprechfilms nicht mehr feierlich ausposaunen müssen – alles das wird selbstverständlich sein, dieser mit vielen Beifallssalven begrüßte Film beweist es wieder.
Wenn ein Mann des Metiers wie Oswald so leicht mit dem Mikrophon fertig wird – – dann werden wir auch in der deutschen Fabrikation bald von der Sprache nicht mehr sprechen.
Gerade dieser neue Film einer Schar von Unabhängigen machts deutlich: Der Filmton ist keine gemeingefährliche Erfindung von ein paar Elektrokonzernen, nur ihnen reserviert, die Filmwelt zu versklaven: Der Film-Ton „gehört dazu“.
Oswald, der in kurzer Drehzeit mit bemessenen Mitteln seine Posse komponierte, wird viele Fabrikanten zum Nachdenken anregen. Er selbst wird sicher auch viel gelernt haben. Z. B. über den Humor in der Posse. Das beherzigt er bestimmt das nächste Mal.
Sein Autor Neubach ist ein gebildeter Herr: Er hat die Komiker der Berliner Bühnen alle schon einmal schwach gesehen, läßt darin Arno in Unterhosen im gehefteten Anzug, auf dem Wiener Heurigen dastehen, macht dazu für Ehrlich, Hofer, Morgan, Hansen und Graetz ein paar Röllchen zurecht, in denen sie als Komiker zu dem noch komischeren Publikum sprechen.
Sag’ es mit Komikern.

Einer meint: Der Wiener Humor sei eine Berliner Erfindung.
Der Mann hat nicht so unrecht. Es wird hier weniger Nestdroy als Kadelburg gespielt. Das Fest der Handwerker, das große Los, Guten Morgen, Herr Fischer, Das weiße Rößl. – das Personenrepertoire der Vorstädte unserer Großväter ist hier für die Schauspieler texlich unbedenklich zurecht gelegt; auch dramaturgisch ohne Skrupel – die Enttäuschung der angeblichen Großes-Los-Gewinner wird in einigen Szenen recht linkisch zum eiligen Ende abgebogen.
Aber eine erfreuliche Seite hat Oswalds Film sicher noch: Daß er mit der Posse bei der Posse bleibt, daß er von Bühne und Literatur 1000 Kilometer entfernt steht – obwohl er fast nur mit Bühnensprechern arbeitet.
Die Schau-Sprecher tummeln sich in Posssenlaune. Das steckt an.
Durch die Lachstimmung, die durch den Film geht, für manchen Geschmack vielleicht sogar allzu forziert und mit einem Ha-Ha-Ha-Gekitzel um jeden Preis serviert – wird all’ die Mühe und jeder Beigeschmack von „Technik“ zugedeckt.
So ergibt sich ein Lachfilm.

Mit der Musik hat er viel Glück. Hans May fand endlich das richtige Betätigungsfeld. Er mixte zwei wirkliche Schlager: Wien, du Stadt der Lieder“ und „Ohne dich kann ich nicht leben . . .“
Wenn Hansen und Luigi Bernauer sie kreleren gibt es rasenden Beifall.
Die Tontechnik (Kamera: H. Stoer) hat sich trotz der beschleunigten Drehzeit dem Schnellarbeiter Oswald angepaßt. Nicht alles kommt einwandfrei. Mikrophon-Schuld und Wiedergabe – Schwächen vereinzelt. Sonst das Meiste filmverbunden natürlich in der Sprache ! Sprache !
Erstaunlich, wie jetzt die Stimmen ihren ganzen originellen Klangreiz ausströmen. Der harte Schnodder und Graetz, des köstlichen Gustl Gstellenbauer knabenfrohe Resolutheit.
Die stummen Techniker: Behn-Grund, Holzki, Schrödter – alles bewährte Helfer.

Max Hansen spaßt sich als Tonfilm-Debutant in alle Herzen. Die hohe Schule der unerbittlichen Bild- und Tonfixierung wird ihn weiter bringen – und den Tonfilm. Er hat noch manche mimische Schwäche und darf nicht sentimental taubern. Das kann er nur parodieren. Er hat natürlich Tonfilm-Zukunft, wenn er die richtige Rolle findet.
Max Ehrlich gibt eine Klasse für sich. Den Schnorrer und Hintertreppen-Zeitungsmann. Boshaft und verfressen, ulkig und verschlagen. Ein Menschen-Kerl, der fast anzengruberisch den Possenrahmen sprengt. Oft hat er Sonderapplaus.
Bleiben neben den Komikern zu nennen: Charlotte Ander, die hübsch aussieht. Grete Naizler, die dazu sogar noch singen möchte, Igo Sym, der sich sprachlich nicht zurecht findet, Dora Ilrach, Irene Ambrus usw.

Die Handlungs-Situationen erzählen ? Unnötig. Genug gesagt, wenn man feststellt, daß es auf dem Heurigen wie im Fleischerladen, beim Instrumentenhändler wie beim Schneider im Kaffeehaus wie in der Bar – kurios und tumultuös genug zugeht, um das Publikum zwei Stunden lang zu amüsieren.
Die angeheiterte, applausfrohe Stimmung in der Uraufführung deutete an, wie das Publikum bei Oswald auf seine Kosten kam.
6 Komiker – 6 Trümpfe; ein solches Spiel muß ja gewinnen !

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