Waltz of Love

Originaltitel: Liebeswalzer. Tonfilmoperette 1930; 84 min.; Regie: Wilhelm Thiele; Darsteller: Lilian Harvey, Willy Fritsch, Julie Serda, Georg Alexander, Hans Junkermann, Viktor Schwannecke, Karl Ettlinger, Karl Ludwig Diehl; Ufa-Klangfilm.

Eine Prinzessin soll mit einem Erzherzog verlobt werden. Dieser schickt seinen Sekretär an seiner Stelle. Die Prinzessin verliebt sich prompt in den Stellvertreter, der aber vor der Proklamation der Verlobung die Mystifikation eingesteht. Da der Sekretär jedoch Sohn eines amerikanischen Autokönigs und das Ländchen kapitalsschwach, kommt es doch zu einem „happy end.“

Zusammenfassung
Beim Automobil-König Fould in Detroit war alles o. keh. (Verbalhornung von all correct): das Geschäft, der Umsatz, die neue Vierradbremse, die Gummipreise – nur auf einen paßte das Zauberwort o. keh. nicht, das war Bobby, der Sohn des Hauses und der Firma. Der Bengel war zwar keineswegs unbegabt – im Gegenteil, er hatte „Köpfchen“. Aber eben leider sein eigenes , und das war zur Hälfte mit Dummheiten gefüllt. – – – Die Stimmung zwischen Vater und Sohn war daher chronisch gespannt, besonders der Erregungsmotor des Alten lief auf einer Tourenzahl, die eigentlich nur zum Hinauswurf des Sohnes oder zum Schlaganfall des Vaters führen konnte. – In diese an und für sich schon gespannte Lage platzte die Autopanne eines auf Weltenbummel befindlichen Erzherzogs, Peter Ferdinand. – Bobby, zufällig des Weges kommend, behebt den Schaden und gewinnt das Wohlwollen des leutseligen Fürsten, der ihn, ahnungslos wer er ist, gleich mitnehmen will, als Sekretär, als Kammerjunker, als Reisemarschall, kurz: als Mädchen für alles (auch für Mädchen ! ). – Bobby denkt, es geschieht meinem Vater ganz recht, wenn er mich mal für einige Zeit los wird, und nimmt die Stellung an. Alles ist o. keh. ! – Wie der Wind sausen die beiden Windhunde nun durchs Land. Der Erzherzog ist glücklich über seinen gewandten Sekretär, dem er alles, aber auch wirklich alles überläßt. – Auch als Peter Ferdinands hochfürstliche Frau Mama telegraphisch den Sohn zur Feier ihres sechzigsten Geburtstags einlädt, sagt Bobby zu. Er weiß natürlich nicht, daß der Geburtstag nur ein Vorwand ist, um den Erzherzog mit der Prinzessin Eva von Lauenburg zu verheiraten. – In Cuxhaven begrüßt die Erzherzogin ihren Sohn und sagt ihm voller List, er möge sie doch beim Regierungsjubiiäum der Herzogin von Lauenburg vertreten. – im Flugzeug landen der Erzherzog und Bobby in Lauenburg unter dem obligaten Jubel der Bevölkerung. Von allen Bevölkerungschichten waren aber Peter Ferdinand von jeher die hübschen Mädchen am liebsten, und so findet er auch in Lauenburg schnell Anschluß an das hübsche Wirtstöchterlein vom Schwan, nach dem Motto:
Ich kenn’ die Welt in allen Fernen,
Ich kenn’ der Erde ganzes Rund,
Treu war ich nie, jetzt will ich’s lernen,
Dir nur allein sag ich den Grund:
Du bist das süßeste Mädel der Welt,
Du bist die Einz’ge, die mir gefällt !
Du bist im Wachen und Träumen, und immer bei mir
Und wo ich bin, bin ich bei Dir.
Von der hübschen Kleinen erfährt der Erzherzog das beabsichtigte Attentat auf seine persönliche Freiheit. Sofort macht er sich aus dem Staube, geht auf den Bummel und hinterläßt seinem Faktotum Bobby einen Zettel: Bitte allein erledigen ! Bobby kann, von allen Hofchargen gedrängt, nichts andres tun. Er zieht Peter Ferdinands Galauniform an und begibt sich dann zum feierlichen Empfang. Er wird von der glücklichen Landes- und Brautmutter, von der Bevölkerung, von allen geehrt. Nur Prinzeß Eva möcht nicht mit ! Sie läßt sich nicht mit Gewalt verloben und ist gewillt, ihre Freiheit und ihr Mädchentum mit Kratzen und Beißen zu verteidigen. Erleichtert atmet Bobby auf, er will ja auch nicht, denn er ist ja gar nicht . . . – Als er aber die entzückende Gestalt der Prinzessin beim Tanz im Arm hält und sie an sein Herz preßt, wird aus dem Walzer ein Liebeswalzer. Die Geigen klingen:
Sag nicht ja, sag nicht nein, bitte, sprich kein Wort,
Wenn die Hand Du zum Walzer mir gibst,
Jeder Blick Deiner Augen verrät sofort,
Daß Du innig und zärtlich mich liebst,
Sag nicht ja, sag nicht nein,
Wenn Du fühlst, ich bin Dein,
Denk nicht nach, ob dies alles nur Spiel !
Alles Denken macht klug,
Und die Liebe ist Trug,
ist gedankenlos Süßes Gefühl !
Die Prinzessin ist nun anderen Sinnes geworden. Jetzt will sie – zum Entsetzen Bobbys, der erschreckt „nein“ sagt. Affront ! Eva ist wütend, beleidigt, Bobby tief unglücklich. Jetzt erscheint auch noch der echte Peter Ferdinand, dem die hübsche Prinzessin ebenso gefällt. Auch er erhält seine Abfuhr: eine schallende Ohrfeige. Bobby soll wieder einmal alles o. k. machen. Vorsichtig nähert er sich der beleidigten, kampflustigen Braut. Sie empfängt ihn mit Verbal- und anderen Injurien. Bobby kann sich nicht anders helfen. Er erzählt reuemütig den ganzen Sachverhalt. Da schmilzt Evas Zorn, und sie sinkt ihm selig ins Herz. – „Da kann man nix machen“, denkt der echte Peter Ferdinand, diesmal ist es wieder zwar o. k., aber für Bobby.
Seliges Schweigen !
Es singen die Geigen
Den Walzer der Liebe allein.
Brauchst Du noch Worte, um glücklich zu sein?
Ich bin nur Dein !
Du bist nur mein !
Halt mich umfangen
Und fühl mein Verlangen,
Und zieh mich noch fester an Dich.
Glaub mir, so glücklich sind Du nur und ich !

Kritik (Ernst Jäger, Film Kurier #035, 02/08/1930):
„Es bleibt das höchste Gaudium, das Walzen und das Lieben . . .” jubelnd bestätigte es das Publikum, als es diesen deutschen Film aus der Taufe hob.
Denn Erich Pommer hat diesen ersten heiteren Tonfilm der Ufa mit einem Wurf neben die besten Tonkomödien im Weltrepertoire des Films lanziert ! Eine Titanenarbeit für eine lustige, leichte Operette. Ein Wunder, wie sie bei so viel Arbeit leicht und lustig blieb. Im Stil höchst originell, nicht schon morgen veraltet wie so viele Tonfilme: noch in einem Jahr nicht zu überholen.
Ton-Filmisch also: o. K. – ohne Konkurrenz.
(Ton-Technisch: z. k. – zeitweilig klangunrein.)

Am Tonfilmischen überholt er alle, denn auch die Dialogverwendung hat den filmischen Fluß, das Sinfonisch-Strömende, keine Szene steht still, keine gesprochene oder gespielte Situation hemmt hier die lustige Entwicklung einer typischen Operettenhandlung der fröhlich karikierten kleinen Residenz mit ihren Hoheiten und Spießern, dem allerhöchstseligen Liebespaar und einem Heer von Spöttern und Verspotteten.
„Operetten”-Film, man fürchtet die plötzlich singenden Stars, die eingelegten Chöre. Die Revue-Girls, die aus dem Boden wachsen . . . nichts davon in diesem neuen Genre ! Es ist auf einer ganz eigenen Ebene komponiert, theaterfern und zugleich den stummen Film außerordentlich bereichernd.
In seiner filmischen Struktur ist es ein Sonderfall. Diese Pointenfülle – und doch kein Auseinanderfallen ! Diese Aufstockung jeder szenischen Idee durch eine zweite und dritte Nuance ! Und doch keine übertüftelte Laboratoriumsarbeit.
In jeder Sekunde unmittelbar, in jeder Wendung überraschend, pausenlos, sprunglos spricht, spielt und singt die lustige Affäre aus Lauenburg, wie die Prinzessin den Dollarprinzen und nicht die Europäer-Hoheit freit: vor dem entzückten Publikum.
Im Lubitsch-Kröly-Stil zeichnen Hans Müller und Robert Liebmann Alt-Hauenburg, du Feine, an Kuriositäten reich. Holen sich aus den guten 1911-Jahrgängen des „Simplizissimus“ die Gesangvereine und die Feuerwehr, die Ehrenjungfrauen und die Stadtkapelle, lassen das brave Volk durch den Rundfunk die Vorgänge im Schloß miterleben; hier wieder der amüsante Hofstaat, als Hintergrund für die Herzenskomödie Prinzessin, Chauffeur-Millionär und Erzherzog.
In der Dichte der Bild- und Wortwitze sucht der Film seinesgleichen. Wie arm an Späßen pflegen Operetten-Librettis zu sein – und wie reißt hier der Tonfilm auch über Untiefen hin ! Die sehr gewandten Dialoge – die routinierten optischen Einfälle – welche Doppelwaffe Bild und Wort ! Ein Totschläger jeder Langeweile, wenn ein Film derartig gefugt uns vernietet ist.
Nur gegen Ende färben sich ein paar Sekunden zu düster. Die Kobolde hüpfen nicht mehr, die Leute find mit einem Male so ernst wie bei Nina Petrowna.

Mehr als ein Dutzend hervorragende Darstellerleistungen begeistern das Publikum. Georg Alexander – sein größter Filmerfolg seit Menschengedenken, nun auch im sprechenden Film der Charmanteste unter den Bonvivants. Jeder Satz seines „Artschi“ hat den verdienten Lacher. Willy Fritsch – endlich wieder einmal lustig. Wenn’s ernst wird, drückt er noch ein bißchen in der Sprache, im Ganzen der Prachtkerl, dem man eine Rolle aus der Zeit heraus wünscht.
Lilian Harvey von Renné Hubert mit sex appeal umkleidet, spricht in der Mosheim-Oktave, manchmal ein bißchen aufgeregt, aber doch tapfer und namentlich, wenn sie das böse blonde Prinzeßchen sein darf, mit allen Volltreffern in Wort und Geste.
Karl Ettlinger – die Rundfunkautorität von Lauenburg, ein Prachtstück an feiner Komik, klar und betulich sprechend, wie es die Rolle verlangt. Karl Ludwig Diehl – der ideale Operettenhofmarschall. Julia Serda – die plappernde Fürstin, Lotte Spira – mit warmherzigem mütterlichen Komödienton. Viktor Schwannecke, der verzweifelte Doktor Jüttner des Film, Marianne Winkelstern in einer anmutigen Szene, Willy Prager mit einem Satz und einer Geste ein Clou, Junkermann, Biebrach – – man müßte bis zum Piccolo-Quartett herab alle aufzählen, die der Regisseur Wilhelm Thiele in jeder Szene sorgsam herausgeputzt hat.
Ja, er vergißt in der Galoppade technischer Schummeldinge und Zauberersatzkünste die Sorgfalt nicht. Welche Schwierigkeit, sich heim Konservenbüchsenzustand der Mikrophone, mit dem dieser Film aufzunehmen begann, überhaupt durchzusetzen. Man spürt, wie mit der bei der Arbeit wachsenden Technik auch die tonliche Sicherheit des Regisseur gewachsen ist. In der Dialogmodulierung seiner Sprecher hält er nicht ganz durch, aber die Gipfelleistungen vieler Dialogpartien in diesem Film beweisen, wie schließlich auch die Maschine unter dem beschwingten Taktstock der Regie kuschte.

Von den eisenden Dialogen und der filmischen Bilderflucht hat der Film seine innere Musikalität – weniger von der Operettenmusik. Denn nicht Oscar Straus schrieb die Walzer, sondern Werner R. Heymann, ein Alleskönner, ein fixer Illustrator, der von Spoliansky bis Strawinsky die Mode kennt – und sich trotzdem sogar zu ein paar sangbaren Walzertakten findet. Sein Schlager „Du bist das süßeste Mädel der Welt“ wird jedem im Ohr bleiben.
Stilistisch interessant, wie dieser Operettenfilm den Schlager hinter die Handlung stellt – in der Tat filmkünstlerische Lösungen, verblüffende Arrangements, von denen die Entwicklung zweifellos lernen wird. Da hat Heymanns Musikalität eine Fülle von Wechselbeziehungen zwischen filmischen und musikalischen Späßen beigesteuert.
Man denke nur einmal an die sichtbaren „Orchesterscherze“ im Stadtgarten, im Schloß.
Neben ungenannten Gesangskräften: Austin Egen. Flüsternd singt er den wirksamsten Refrain, mit der kluggehaltenen Stimmführung vor dem Mikrophon, von der aus Tonfilmbeflissenen ebenso wie von Alfred Braun lernen können.
Als ausübendes Orchester wirken die Paul-Godwin-Band und Wein-Syncopators mit.
Und der Mensch denkt, doch der Verstärker lenkt – bisweilen auch der Teufel des Mikrophons; den Dialogen gegenüber ist er am gnädigsten.
Und das garantiert den Tonfilm-Erfolg.
Der leichte Wirbel der Worte – das ist bis auf die paar Stolzgebete zum Mikrophon empor, der technische Gewinn des Films. Die Herzerrungsgeräusche bei der Kunst sind wohl nur Premierenzufälle. An der Tonkamera: Dr. Erich Leistner. Er wird über diese Tonfilmarbeit sicher ein Buch schreiben können – und am Ende gewitzter gewesen sein als am Anfang.
An der Bildkamera: Meister Werner Brandes mit K. Tschetwerikoff.
Alle Tendenzen der lockeren Kamera-Musikalität wie in den besten Leistungen der Erich Pommer-Produktion aus der stummen Aera sind beachtet. Das Gleiten über Treppen und Gänge, die Schattenspiele, die Tricks – – mit den verblüffend witzigen Einleitungs-Blickfängern der Autoproduktion im rasenden Tempo – – ihnen allen den Pour le mérite.
Erich Kettelhut zeichnet für die architektonische Seite der Inszenierung – auch sie im nobelsten Stil gehalten.
Was bleibt als „Wunder“ – – – der zartgelaunten, leichten Muse fröhlicher Ausgeburt – – die Maschine wird wachsweich werden und die Membrane werden nicht einmal zitternd der Menschenstimme gehorchen.
Es gibt zu diesem Werk eine Pilgerfahrt in jeder Stadt und friedlich wird jeder mitlachen, wenn die schweren Geschütze der Technik Blumensträuße schießen.

css.php