The Blue Angel

Originaltitel: Der blaue Engel. Sittendrama 1930; 109 min.; Regie: Josef von Sternberg; Darsteller: Emil Jannings, Marlene Dietrich, Rosa Valetti, Hans Albers, Wilhelm Diegelmann, Kurt Gerron, Charles Puffy, Eduard von Winterstein, Carl Balhaus, Robert Klein-Lörk, Rolf Müller, Roland Varno; Ufa-Klangfilm.

Die nächtlichen Ausflüge seiner Schüler bringen den Gymnasialprofessor Rat mit einer obskuren Varietésängerin in Berührung, die er in seiner Einfalt heiratet. An ihrer Seite zum Clown degradiert, erleidet er einen Wahnsinnsanfall und stirbt, nachdem er des Nachts ins Gymnasium eingedrungen, auf dem Katheder.

Zusammenfassung
In Sinnbildern von erschütternder Einfachheit wird hier die Tragödie eines einsamen, geistig hochstehenden, liebesarmen Menschen gestaltet, eines Idealisten, der im Zusammenstoß mit der rücksichtslosen Welt zerbricht. Jede Station dieses Lebensweges ist ein Symbol. – Ein Symbol ist die alte schöne Rathausuhr, nach deren Glockenschlag das ordentliche, wohlbehütete Leben des Lehrers Professor Dr. Immanuel Roth in immer gleicher Wiederkehr abrollt. Ein Symbol ist der arme kleine Vogel im Käfig, dem Rath seine ganze, von keinem Menschen begehrte Liebe schenkt. – Ein Sinnbild ist das Schulzimmer, dessen Luft der Jugendbildner mit aller Strenge, aber auch mit aller Gläubigkeit von giftigen Miasmen freizuhalten sucht. Eines Tages wird er gewahr, daß die Versuchungen des Lebens stärker sind als sein pädagogischer Wille. Um seine Schüler vor der abschüssigen Bahn zu retten, geht er ihnen nach in den „Blauen Engel“. – Wieder wird in einem Sinnbild die „andere Seite der Welt“ zusammengefaßt: Fausts Studierstube – Walpurgisnacht. Die Züge des reinen Mädchens und der Versucherin (Gretchen – Helena) sind in eine Gestalt zusammengenommen. – Der bis zu diesem Augenblick vollkommen Einsame erliegt den Lockungen des Weibes, dem fremden farbigen Zauber. Das Stück Kind in ihm fühlt sich beglückt durch ein Trugbild von Liebe. Er macht eine Unwürdige zu seiner Frau. – Hier ist die Katastrophe des Dramas. Was folgt, entspricht der Peripetie. Rath, Schulmann und Bürger durch und durch, wird seiner Lehrerstelle verlustig. Nun, da sein Fundament unter ihm weggezogen wird, verliert er auch innerlich den Halt. Mit unlösbaren Banden an jene Frau gefesselt, vergeblich sich auflehnend gegen seine Entwürdigung, verwandelt er sich in das Zerrbild seiner selbst: der vordem die Heranwachsenden zu behüten suchte, steht nun allabendlich als Clown vor der gröhlenden Menge. Als er in seiner Vaterstadt, dem Orte seines früheren Wirkens, auftreten soll, bricht der Wahnsinn aus ihm hervor, und in der Umnachtung ahnt er zum ersten Male ganz, was ihm widerfahren ist, was er verschuldet hat. Nur noch eine Sehnsucht treibt ihn, sich zu reinigen, sich zu entsühnen. Mit versagendem Herzen schleppt er sich in seine Heimat zurück, in die Schule, und bricht, von Gottes Barmherzigkeit erlöst, vor der Schultafel tot zusammen. Noch einmal läutet die alte Rathausuhr ihren Choral: „Üb immer Treu und Redlichkeit“ als symbolische Mahnung durch die stumme Stadt.

Kritik (Ernst Jäger, Film Kurier #080, 04/02/1930):
Deutscher 100prozentiger Dialogfilm.
Literatenwahl.
Wir haben Dichter und Schriftsteller in Deutschland genug – der Film weiß es nun endlich: und wieder ist es Erich Pommer, der den richtigen Weg weiter ging –: für den Film in seiner sprachbereicherten Form die besten Köpfe zu verpflichten, den Bund mit den in der Filmwelt so verschrienen „Literaten“ einzugehen.
Wir haben fruchtbare, phantasievolle, kluge, bizarre Begabungen genug, in allen Kampflagern und Gesellschaftsgruppen, gleichgültig, ob sie berlinfern, ja, berlinfeindlich oder im „Romanischen“ geistig beheimatet sind – sie werden nun zu leben haben. Sie finden Filmanschluß. Dieser Film findet die Brücke zur Literatur.
Der bessere Film wird endlich kommen, weil die maßgebenden drei, vier Regie-Producer ihn wollen und ihn brauchen, sonst können Sie in zwei Jahren eine Tanzschule aufmachen oder so.
Das bessere Instrument des aus der schwarz-weißen Stummheit gestoßenen Sprechton-farbplastischen Films verlangt die besseren Gestalter. Die Ratvollen statt den Ratlosen. Die geistigen Arbeitet anstelle der Schmieranten. Zuckmayer, Rehfisch, Molnar, Kurt Goetz, Georg Kaiser, Eulenberg, Burte…
Bert Brecht, Walter Hasenclever, Peter Martin, Lampel, Arnold Zweig, Friedrich Wolf, Otto Brües, Reinhard Goering, Alfred Neumann.
…anstelle der Film-Autoren:
(Namen sind beliebig auszufüllen.)
Das Analphabetentum, das beim stummen Film möglich war, entlarvt sich, weil auch der Autor sprechen muß.
Das geistige Stottern der Stummen geht zu Ende.
Bildung wird beim Film nicht mehr als Belastung angesehen.

Stoffwandelung.
Wir sind mit diesem Pommer-Jannings-Sternberg-Film noch am Anfang. Wie „Caligari“ ein Anfang war, eine Offenbarung, ein Augenöffner. (Nur war „Caligari“ vom „Betrieb“, von der internationalen Bedarfswirtschaft entfernt.)
Für Pommers ernste Linie brauchte jedoch die Entwicklungslinie nicht umgebogen zu werden. Zwischen seinem bedeutendsten letzten Stummen: „Heimkehr“ (nach Leopold Frank „Karl und Anna“ und dem „Professor Rat“-Film (nach Heinrich Manns „Professor Unrat“) besteht in der Richtung kein Wesenunterschied –; nur eben in der formalen Beschreibung. Durch das „kleine Wunder“ der Sprache.
Dort wie hier arbeiteten „Literaten“ mit. Diesmal neben Heinrich Mann, Carl Zuckmayer und Karl Vollmöller.
Beide keine „Unfehlbaren“, und namentlich Zuckmayer ein filmischer Neuling. (Vollmöller, schon ein „alter Herr“ – mit lyrischen Meriten von einst. Für U.S.A. ein Name.)
Aber wer hat bei den Nur-Filmern „ausgelernt“ ?
Der Produktionsbestimmer wie Erich Pommer muß den neuen Autoren (sucht sie weiter, nutzt sie weiter, beschäftigt sie weiter) das Eine beibringen: das andere, das neue Publikum klarmachen, für das sie „Film“ im Gegensatz zum Bühnendrama zum Buch entwerfen. Diese Leinwände als Wirkungsflächen, die von Paris bis Tokio aufgehängt sind. Diese internationale Schaugemeinde, für die der individualistische Dichter der „Kakadu“-Verse nun schreiben muß.
In diesem neuen Reiz der Verallgemeinerung der individuellen Gestaltung liegt selbstverständlich die Gefahr der stofflichen Trivialisierung.
Sie spielt diesmal nur eine kleine Rolle.
Aber schon ist aus dem Professor Unrat und seiner Gegenwelt des Heinrich Loh-Mannes aus dem immer noch so herrlich lesenswerten Buch (für eine Mark bei den gelben Ullsteins!) – – der gütige Germane, Professor Rat geworden.
Die Beobachtung und Spurnachweisung dieser Transfiguration möchte man für einen Buchinhalt empfehlen. Sie enthüllt ein wesentliches Stück des Problems Film überhaupt.
Die Autoren geben statt Heinrich Mann, und wie Hussong nicht ganz ohne Berechtigung schrieb, im gewissen Kontrast zu seinem vor 25 Jahren geschriebenen Unrat den tragischen Weg allen Fleisches. Wie der Professor zum letzten Mann wird. Die vor 25 Jahren geschriebenen Bücher hatten es offenbar leichter „modern“ zu sein. Sie wurden erst zehn Jahre später von einem größeren Kreis gelesen…
Beim internationalen Film soll aber das menschlich allgemeine Drama „Das Ewig-Menschliche“ offenbar wieder Mode werden – namentlich da es dem Protagonisten Emil Jannings so sehr entgegen kommt – und so wandelten die Autoren den Menschenfeind und Nihilisten Unrat, den „Bösen“, zum guten Menschen, der an einem blonden Vamp strauchelt. Eine männliche Engelsseele, von leiser Komik des allzu pedantischen Lehrtums umgeben, geht kaputt. Denn das Weib ist blond, so bond… (Sie ist ein Blond – „sonst nichts“.)

Die Aufgabe des Jannings-Films.
Jannings bat also wieder einmal, kann also wieder einmal. Alle mimischen Verfallsregister stehen zur Verfügung, prächtige Perückenvariationen – – nein, auch das Echtere macht er wirksam: im Geste und Gang von innen her den Zusammenbruch eines armen Helden zu zeigen – vom stolzen Schneuzer um 8 Uhr in der Früh wird ein armseliger Postkartenverkäufer um Mitternacht. (Eine Georg Kaiser-Figur – traun fürwahr.)
Keiner spielt den leidenden Mann gerade im Schmerz so unsentimental wie Jannings. Er hat seine besonderen Publikumsdrücker dann, wenn er vor Wonne schmunzelt und liebesselig der Tänzerin Lolo zuschaut. Er hat da so viel Strahl im Gesicht, wie 20 Gänsebraten in der Pfanne. Riesenbeifall bei der Logenszene.
Das sind klassische Momente größter mimischer Kunst.
Er spricht nun also auch.
Und darum dreht sich ja der ganze Film: wie kann der sprechende Jannings in den „Zwei Welten“ präsentiert werden.
Die Lösung ist genial komponiert – und man kann verstehen, daß die Amerikaner, die den Film in der ausländischen Fassung sahen, ihm den großen Erfolg für drüben vorhersagen.
Als Sprecher in diesem Film hat er auch die größte Wirkung, wo er aus gütigem Herzen als Traumulus in die Erotik stolpert. Wenn er der Tänzerin rogesteht, sie habe schöne Augen. „O ja, … o doch! … sehr schön …“ – oder wenn er die Verworfene nach altem Komment anprostet: „Ich gestatte mir Die ganz Spezielles !“
Da malt er mit Worten, scheu, unsicher – und trägt seine Komik bezwingender daher als große Seufzer und Tränen. (Die merkwürdiger Weise in diesen Sternberg-Talkie sehr wenig fließen. Ist der schweratmende, herzkranke Ton des Sterbenden Rat in diesem Film ? Nein. Er stirbt stumm, allzu stumm.)
Bis zur Hochzeit mit dem Variétémädel ist der Film mit Jannings ein einziger Aufstieg zum Gipfel.
Der Wahnsinnausbruch hängt noch ein wenig von der Gnade der Lautsprecher ab. Ganz unstreitig: Der sprechende Jannings hat eine Zukunft. Er wird auch dann und um so mehr den künstlerischen Tonfilm vorwärts bringen, wenn er in nächsten Werken noch mehr ins Ensemble tritt.

Sprechfilm-Höhe.
Vollender gibt sich dieser Film in allen Ensembleteilen. Josef von Sternberg, der Meister des mittleren Starfilms in U.S.A. – vielleicht hat er Anwartschaft, einer von den zwölf ganz Großen zu werden –, gibt das Atelierleben vollendet.
Günther Rittau läßt Hanns Schnerberger in gemäßigten Realismus photographieren, bevorzugt die halbundeutliche Stimmung im Blauen Engel und schickt vor die sichere Kamera, in Otto Hunters milieuechte Bauten (mit Emil Haßler errichtet), das Volk des Zauberkünstler-Ensembles: Kurt Gerron, Rosa Valetti. Die besten Episoden, bei denen jeder Satz ein kleines Ereignis ist.
Gut auch alle anderen Typen: Eduard von Winterstein, Wilhelm Diegelmann, Karl Houzar-Pully – und wenn Sternberg nicht in Hollywoods Theaterferne säße und von aktueller Berliner Bühnenkunst noch mehr verstände, hätte er gewiß auch das Gymnastentreiben, das er, von den Schülern her gesehen, etwas vorkriegsmäßig dargestellt, noch intensiver und schablonenfreier getroffen. Nicht nur die Mädchenklasse singt aus Otto Ernst „Flachsmann als Erzieher“ herüber … Die deutschen Schülertragödien im Film geben gerade diese Komplexe zwitverbundener.
Wenn Sternberg mit Jannings Ausatzstunde abhält und der Professor die Schüler beim Mogeln erwischt oder ihnen das englische „th“ aussprechen lehrt, dann zündet natürlich diese Art Schüler-Humoreske.
Tonlich kommt das alles meisterhaft und man muß von einer Standardleistung der Klangfilm-Ufa-Technik sprechen.
An der Tonkamera: Fritz Thiery.

Marlene Dietrich.
Seltsame, pessimistische Liebe, die Marlene Dietrich – „durch sich selbstgeheiligt“ (dichtete einst Klabund) – in diesem Film für den armen Emil Rat verschenkt. Eine wunderhübsch angezogene Edelkokotte. Daß sie ihn finanziell ruiniert und moralisch auspumpt – wird man glauben (es wird nicht gezeigt).
Dafür spricht die Dietrich bezwingend edel-ordinär. Fusel in Kristall. Das Publikum fliegt auf diese Mischung. Ein Teil des orkanartigen Beifalls kommt auf ihr Konto.
Während ihr Singen, zu dem Friedrich Holländer die vollendete Gebrauchsmusik geschrieben hat, in die Schule der Margo Lion gegangen ist, noch keine Frau im deutschen Tonfilm sprach. Die Vollnatur der Stimme ist erreicht. Wenn sie da auf der Leinwand etwas hinsagt, ist die Illusion der Lebendigkeit hergestellt.
„Doch danke immer: Achtung vor dem Raubtier“ – – –. Wedekind wurde noch selten so echt in seinem Erdgeist dargestellt, wie in den Jannings-Dietrich-Szenen dieses Films.

Das stumme Milieu in Pommers Tonfilm.
Der tragische Absturz des Professors bis zum Hahnengekreisch des Wahnsinnigen – der schwierigste Teil des Tonfilms – wurde von Robert Liebmann drehgerecht gemacht. Eine gewaltige Leistung. Es gibt ein paar große Einfälle in den Liederblendungen.
Ironische Kontraste: Wenn es heißt, der Professor würde bald Postkarten verkaufen und in der nächsten Szene verkauft der Verarmte sie schon. Gut die Brennscherenüberblendung (1925-1929).
Liebmann und Sternberg sind sich ganz einig im Stil der Verknappung. Auslassen, was nicht unmittelbar aussagt.
Neu ist der Mut zum stummen Film beim Tonfilm. Wir haben das auch immer gefordert. Dort, wo das Leben stumm ist, darf der Film nicht plappern.
Man wird allerdings in der Motivierung der Stummheit noch logischer werden.
Der berühmte Schluß: Kühn-visionär und endlich, endlich von der melodramatischen Musikbegleitung befreit.
Sonst hörte man hier „Tot und Verklärung von Richard Strauß“. Heute herrscht ein neues Prinzip. Pommer lebe hoch, weil er ein Sucher ist. Auch da.
Er fehlt aber doch wohl bei diesem Schluß das Dasein des Tons – und wäre es Schreitenden schwerer Atem.
Doch die Vision ist auch da stark genug – und Pommer wird auch in der kommenden Produktionen der Sprechtonfilme die Werte des stummen Films weiter verarbeiten. Das ist ja seine Größe: Die ausgleichende Vernunft mit der dieser Producer die größten Namen und die besten Künstler in die Dienste seiner Filme stellt.
Man sah und hörte es nun wieder: Es lohnt sich.

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